Buchtipp: Tsunami in der Nordsee

Der Roman „Der Schwarm“ erhellt die dunkle Welt unter der Wasseroberfläche. Von unserem Leser Karl Baumann, München.

Frank Schätzing: „Der Schwarm“, Kiepenheuer & Witsch, 24,90 Euro
Eine Reihe von Unregelmäßigkeiten, die alle mit dem Meer zu tun haben, aber miteinander nicht in Verbindung zu stehen scheinen – damit beginnt „Der Schwarm“ von Frank Schätzing. Um jedes dieser Probleme bilden sich Gruppen von Betroffenen und, in der weiteren Folge, von Wissenschaftlern. Langsam entsteht so ein Netzwerk aus Experten unter Führung des US-Geheimdienstes CIA, der allerdings seine eigenen Interessen verfolgt.

Was haben verrückt spielende Wale, angriffslustige giftige Tiefseekrabben, die es gar nicht geben sollte, Ölbohrinseln, Methanvorkommen an den Kontinentalhängen der Tiefsee und selbstmörderische Würmer miteinander zu tun?

Ein buntes Team von Wissenschaftlern – Verhaltensforscher, Biologen, Klimaforscher, Geologen und andere – macht sich auf die Suche nach der gemeinsamen Ursache einer sich anbahnenden globalen Katastrophe.

Traumreisen mit nordkanadischen Ureinwohnern (Inuid), Konflikte innerhalb von Nordsee-Ölkonzernen, politische Intrigen und die Ticks und Eigenarten verrückter Forscher – all das verwebt Schätzing zu einer spannenden Geschichte mit vielen Höhepunkten, unter anderem einem Tsunami an den Küsten Nordeuropas.

Der Roman gipfelt in einer abenteuerlichen und etwas unrealistischen Konstruktion. Aber „Der Schwarm“ ist trotzdem eine geniale Geschichte, die klar macht, wie wenig wir über die Tiefsee wissen. Dabei wäre das nötig, immerhin ist die Erde zu gut zwei Dritteln mit Wasser bedeckt. Selten war ein Roman von 1.000 Seiten so dicht und hoch kompetent gefüllt mit aktuellen Ergebnissen und Fragestellungen der Forschung.

Wer dieses Buch gelesen hat, versteht nicht nur, was ein Tsunami ist, sondern begreift den ganzen Planeten Erde als empfindliches Gleichgewicht. Gefahren ungeahnten Ausmaßes lauern an allen Ecken und Enden des Erdballs.
Im Licht der Ereignisse in Südasien erscheint es unverantwortlich, dass es so wenige tiefseetaugliche Forschungs-U-Boote gibt – wie der Roman offenbart. Viele Warnsysteme sind nötig, um Küstenbewohner einigermaßen effektiv vor all den Gefahren schützen zu können, die der Ozean bereit hält. Die übergroße Mehrheit der Menschen lebt an Küsten und Ufern – und ist arm. Für ihren Schutz wird weit weniger Forschung betrieben und Geld ausgegeben als für Macht- und Profitinteressen. Frank Schätzing führt seine Schlussfolgerungen nicht so weit. Er liefert Fakten.

Im Moment reden Politiker davon, dass in der Nordsee ein Tsunami-Warnsystem unnötig sei, weil eine derartige Gefahr dort nicht bestehe. Wer wissen will, ob das die Wahrheit ist, dem gibt der Roman „Der Schwarm“ ein Werkzeug in die Hand, mit dem man die Zusammenhänge unter der Meeresoberfläche besser verstehen kann.


Linksruck Nr. 191, 1. Januar 1970





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