Film: Ray:

Von unten

Das Leben des schwarzen Musikers Ray Charles.

„Sogar verglichen mit anderen Schwarzen … saßen wir auf der untersten Stufe der Leiter. Unter uns war nur noch der Boden“, schreibt Ray Charles in seiner Autobiografie von 1978. Geboren wurde er 1930 in Georgia im tiefen Süden der USA. Seine allein stehende Mutter verdiente ein paar Dollar, indem sie für Nachbarn die Wäsche wusch.

30 Jahre später erreichte Ray die Spitze der Charts in Pop und Rhythm & Blues und somit ein weltweites Publikum. Weitere 40 Jahre darauf wirkt sein Schaffen in einem neuen Kinofilm noch so begeisternd wie damals.

Ray Charles brachte es in den 50er- und 60er-Jahren fertig, die christliche Gospelmusik aus der Kirche zu holen. Er machte sie mit nichtreligiösen Inhalten einem gemischten Publikum zugänglich – keine geringe Leistung im rassistischen Amerika seiner Zeit. Und wie er das weiße Amerika mit der Gospelmusik vertraut machte, brachte er den Schwarzen die Countrymusik nahe.

Eine der schönsten Szenen des Films zeigt die letzten Vorbereitungen zu einem Konzert, das Ray 1961 in Georgia gab. Das Publikum wurde nach der Hautfarbe getrennt.
Die frühen 60er waren die Zeit der Proteste gegen die „Jim Crow-Gesetze“, die die Unterdrückung der Schwarzen festschrieben. Hunderte Menschen demonstrieren vor dem Saal und fordern Ray auf, seinen Auftritt abzusagen. Seine erste Reaktion ist: „Die Jim Crow-Gesetze gab es schon immer und wird es immer geben.“

Als der Veranstalter aber, ein fetter weißer Rassist, einen schwarzen Demonstranten beiseite schubst, wird es Ray zuviel: Er lässt das Konzert platzen. Dafür wird er mit einem Auftrittsverbot bestraft und darf 18 Jahre lang im ganzen Staat nicht spielen, bevor er 1979 Genugtuung bekommt: Das Landesparlament von Georgia ehrt ihn mit einem Preis, und sein Lied „Georgia on My Mind“ wird zur Staatshymne erklärt.

Die Stärke des Films liegt darin, dass Ray Charles immer als Werdender dargestellt wird, als einer, der die musikalischen Einflüsse seiner Zeit begierig aufnahm und darüber schließlich zu einem eigenen Stil fand. „Ray“ erzählt aber auch die Geschichte eines Künstlers, der sich gegen die Manöver mancher Manager zur Wehr setzen musste, bis er einen Vertrag bekam, der ihm volle künstlerische Freiheit einräumte.

Ein Film nur für alternde Fans? Mein 13jähriger Sohn war jedenfalls genauso wie der Rest des Publikums von der Schnelligkeit der Szenenwechsel und der überzeugenden Gestaltung aller Charaktere – Ray selbst, seine Frauen und Manager, seine Mutter, die Demonstranten – beeindruckt. Zweieinhalb Stunden einer mitreißenden Geschichte, die einen roten Faden verfolgt: Rays Musik.

Der Hauptdarsteller Jamie Foxx überzeugt unter der gekonnten Regie von Taylor Hackford, der fünfzehn Jahre Entwicklungszeit in den Film investierte. Ein Muss für alle, die das Amerika der 30er- bis 60er-Jahre einmal auf andere Weise erfahren möchten.

von David Paenson




Linksruck Nr. 191, 1. Januar 1970





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