Revolution in Russland 1905: „8 Stunden und ein Gewehr“

Vor 100 Jahren erhoben sich Arbeiter gegen die Diktatur des Zaren – und begründeten die bis heute
demokratischste Institution: die Arbeiterräte.

Mit „Panzerkreuzer Potemkin“ setzte der Regisseur Sergej Eisenstein der Revolution 1905 ein filmisches Denkmal

Literaturtipp

Russland 1905
Von Pete Glatter
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„Im Januar 1905 glaubten die Arbeiter, man könne den Zaren wie einen anständigen Mann ansprechen, und sie wurden grausam desillusioniert. Bis Oktober kamen sie auf die Idee, ihm mit der Faust zu drohen. Die Vorstellung, man müsse Waffen anwenden, war die nächsten Etappe“, schrieb der Historiker Michail Pokrowski.

Damals waren die meisten Russen Bauern und lebten am Rande des Hungertodes, während das Land reichen Großgrundbesitzern gehörte. In einigen Städten wurden gleichzeitig riesige Fabriken für Waffen und Kleidung gebaut. Neue Bahnlinien verbanden die schnell wachsenden Städte. Die Zahl der Fabrikarbeiter in Russland wuchs von 1,4 Millionen 1890 auf 2,4 Millionen 1900.

Diese Arbeiter begannen ihren Aufstand im Januar 1905, als die Regierung einen sinnlosen Krieg gegen Japan führte, die Löhne der Arbeiter senkte und sie unter erbärmlichen Bedingungen schuften ließ. Am 22. Januar demonstrierten in St. Petersburg streikende Arbeiter und Bauern zum Palast des Zaren, um bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Ihre Eingabe begann mit: „Wir sind zu Ihnen gekommen, Hoheit, um Gerechtigkeit und Schutz zu suchen.“ Der Zar befahl seinen Truppen, in die Menge zu schießen. Über 1.000 Demonstranten wurden ermordet.

Daraufhin erhob sich das ganze Land. Eine Million Frauen und Männer traten für zwei Monate in Streik. Er wurde erst beendet, als der Zar ein gewähltes Parlament versprach. Weil es jedoch fast keine Macht hatte, erhob sich die Bewegung im September erneut.

Zuerst traten die Drucksetzer in Moskau in Streik, um statt nur für Buchstaben auch für Satzzeichen bezahlt zu werden. Bald schlossen sich die St. Petersburger und die Bahnarbeiter im ganzen Land an. Sie forderten den Acht-Stunden-Tag, Bürgerrechte und freie Wahlen für eine verfassungsgebende Versammlung.

Telegrafenämter, Stromwerke, Geschäfte, Metall- und Textilfabriken und sogar Gerichte standen still. Bis Mitte Oktober riefen die Arbeiter in den meisten Städten Generalstreiks aus. Überall kamen die Menschen in Massenversammlungen zusammen, um politische Ideen und die Taktik der Bewegung zu besprechen. Innerhalb weniger Monate begannen Arbeiter, die sich immer den Mächtigen gebeugt hatten, ihre alten Vorstellungen zu verwerfen und Gleichheit zu fordern. Der Massenstreik verband soziale Forderungen mit dem Kampf um Demokratie.

In dieser revolutionären Bewegung überwanden die Arbeiter die Schranken zwischen verschiedenen Branchen und Städten und bildeten erstmals demokratische Institutionen: Die Arbeiterräte.

Der Arbeiterrat von St. Petersburg trat zum ersten Mal am 13. Oktober mit 43 Delegierten zusammen. Auf seinem Höhepunkt vier Wochen später diskutierten 562 Delegierte, die 200.000 Arbeiter aus 147 Fabriken und 16 Gewerkschaften vertraten. Auch in vielen anderen Städten bildeten die Arbeiter Räte.

Ihre Delegierten wurden in den Betrieben gewählt und konnten jederzeit wieder abgewählt werden. In den Räten konnten sie Erfahrungen austauschen und voneinander lernen. Die Räte halfen, die Erfahrungen der Kämpfe zu verallgemeinern, die die fortschrittlichsten Arbeiter gemacht hatten. Sie konnten in den Räten jene ermutigen und überzeugen, die weniger Zutrauen in ihre Kräfte hatten.

Der Arbeiterrat von St. Petersburg schickte streikende Arbeiter, um vor anderen Fabriken Streikposten aufzustellen. Er brachte seine eigene Zeitung Iswestija heraus und organisierte die Besetzung der Druckereien, wo sie hergestellt wurde.

Der Arbeiterrat beschloss, wo gestreikt wird, veröffentlichte Hilfestellungen zu Durchführung und stellte sicher, dass seine Entscheidungen an jedem Arbeitsplatz bekannt wurden, indem er Telegramme verschickte. Züge fuhren nur noch, um die Delegierten der Räte zu transportieren.

Die Räte waren weit mehr als Streikkomitees. Der Vorsitzende des St. Petersburger Arbeiterrates Leo Trotzki erkannte die Räte als einzig demokratische Alternative zur Monarchie.

Am 16. Oktober versprach der Zar eine Verfassungsgebende Versammlung. In Wirklichkeit bereitete er die gewaltsame Niederschlagung der Revolution vor.

Der Arbeiterrat von St. Petersburg erkannte die Gefahr und beschloss, weiter zu kämpfen. Aber viele Arbeiter glaubten dem Zar und kehrten zur Arbeit zurück. Schließlich erklärte der Rat den Streik für beendet.

Zehn Tage später begannen Arbeiter in mehreren Metallfabriken einen Kampf um den Acht-Stunden-Tag, indem sie nach acht Arbeitsstunden die Arbeit niederlegten. Der Rat weitete den Streik auf die gesamte Metall- und Textilindustrie aus. In einem Stadtteil von St. Petersburg marschierten die Arbeiter aus ihren Fabriken, schwenkten rote Fahnen und sangen die Marseillaise, das Lied der Französischen Revolution.

Auf dem Land begannen Bauern, sich nach dem Vorbild der Arbeiter zu organisieren, um Land zu besetzen und die Pachtzahlungen zu boykottieren. Im besetzten Polen verlangte eine nationale Befreiungsbewegung Unabhängigkeit von Russland. Im November meuterten Soldaten in Kronstadt.

Als der zaristische Staat seine Herrschaft bedroht sah, verhängte er Kriegsrecht über viele Provinzen, über Polen und Kronstadt. Den meuternden Soldaten wurde die Todesstrafe angedroht.

Der St. Petersburger Arbeiterrat rief im November erneut zum Streik gegen die Unterdrückung auf. Noch mehr Arbeiter als im Oktober beteiligten sich und erreichten nach nur fünf Tagen Straffreiheit für die Meuterer. Durch diese großartige Solidarität konnten die Arbeiter Verbindungen zu Soldaten knüpfen.

Die Arbeiter streikten erneut für den Acht-Stunden-Tag, aber diesmal schlugen die Fabrikbesitzer zurück und sperrten die Streikenden aus. Nach einem ganzen Jahr voller Streiks waren die Arbeiter und ihre Familien von großer Armut bedroht.

Der St. Petersburger Rat beendete den Streik. Der Acht-Stunden-Tag war nicht erreicht worden, aber, wie ein Delegierter sagte: „Von nun an wird der Kriegsruf ‚Acht Stunden und ein Gewehr’, im Herzen jedes St. Petersburger Arbeiters wach bleiben.“

Weil der Staat Armee und Polizei immer für Fabrikanten und Großgrundbesitzer einsetzte, wollten immer mehr Arbeiter und Soldaten den Staat stürzen. Ende November nahmen Soldaten in Sewastopol ihren General gefangen und verließen die Kasernen, um sich in der Stadt von den Einwohnern feiern zu lassen. Arbeiter und Soldaten kontrollierten die Stadt fünf Tage, bis die Armee den Aufstand blutig niederschlug.

Anfang Dezember wurde der Vorstand des St. Petersburger Arbeiterrates verhaftet. Das Zentrum des Kampfes verschob sich nach Moskau. Der Moskauer Rat rief zum Generalstreik auf. Die Arbeiter aus 33 Städten schlossen sich dem Streik an. Der Aufstand hätte den zaristischen Staat stürzen können.

Schon in den Kämpfen zuvor hatten Millionen Arbeiter und Bauern gelernt, dass sie die Gesellschaft selbst demokratisch kontrollieren konnten. Aber der Streik allein konnte den Staat nicht stürzen. Dafür war eine bewaffnete Revolte nötig. Doch davor schreckten viele zurück. So wurde der Streik in St. Petersburg und anderen Provinzen immer schwächer

Der Aufstand der Moskauer Arbeiter dauerte neun Tage, war aber isoliert. Die Armee schlug ihn mit einer Belagerung und Artilleriebeschuss von Arbeitervierteln nieder. Die Monarchie brauchte insgesamt 18 Monate, um der Bewegung das Rückgrat zu brechen.

Trotzki beschrieb später, wie Delegierte von Räten ihre Waffen zerstörten, damit sie der Armee nicht in die Hände fielen: „In dem Lärm zusammenprallenden und verbogenen Metalls konnte man ein Proletariat mit den Zähnen knirschen hören, das zum ersten Mal vollständig begriffen hatte, dass eine kühnere und rücksichtslosere Anstrengung nötig war, um den Feind zu überwinden und zu zerstören.“

Die Lehren aus der Revolution von 1905 blieben der Arbeiterbewegung erhalten. 1917 führten der Widerstand gegen den Erste Weltkrieg, Massenstreiks, Meutereien und Revolten unterdrückter Völker und der Bauern wieder zu einer Revolution, die die Monarchie diesmal stürzen konnte.

Wladimir Lenin, einer der Führer der Revolution 1917, beschrieb den Aufstand 1905 später als die „große Generalprobe“. Die Revolution 1905 bewies die Macht von Arbeitskämpfen, die Geschwindigkeit, mit der Menschen ihre Ideen verändern können und die Ermutigung, die von Arbeiterrevolutionen für andere Befreiungsbewegungen ausgehen können.




Linksruck Nr. 192, 1. Januar 1970





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