Sophie Scholl – die letzten Tage:

Ihre Stärke bewahren

Mit einer überragenden Julia Jentsch in der Titelrolle beschreibt Marc Rothemunds das Ende der Weißen Rose.

Viele Menschen haben das Bedürfnis, historische Ereignisse in Geschichten und Bilder verwandelt zu sehen. Film ist die Kunstform, die dieses Bedürfnis am ehesten befriedigen kann.

So kann auch kaum verwundern, dass zum sechzigsten Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 verstärkt Filme gedreht werden, die sich mit der Zeit des Zweiten Weltkrieges befassen. „Der Untergang“, „Der Neunte Tag“ und „Napola“ sind die bekanntesten deutschen Produktionen dieser Art.

Marc Rothemunds „Sophie Scholl – die letzten Tage“ erzählt ebenfalls eine Geschichte aus der Epoche des Nationalsozialismus. Es geht um das Ende der studentischen Widerstandsgruppe Die weiße Rose.

Der Film beginnt, kurz bevor Sophie Scholl (Julia Jentsch) und ihr Bruder Hans (Fabian Hinrichs) beim Verteilen von antifaschistischen Flugblättern an der Münchener Universität verhaftet werden und endet mit ihrer Hinrichtung.

Was Rothemunds Werk von den meisten ähnlichen Filmen unterscheidet, ist seine Machart. „Sophie Scholl“ verzichtet gänzlich auf den Kriegsbombast, der den „Untergang“ so schwer erträglich machte. Der Film besteht zum großen Teil aus den Verhören Sophies durch den Gestapo-Mann Robert Mohr (Alexander Held).

Es gelingt Sophie, den Nazi stundenlang zu belügen. Als die Beweise erdrückend werden, gesteht sie zwar ihr „Verbrechen“. Zugleich beharrt Sophie jedoch darauf, sie und ihr Bruder seien allein verantwortlich für die Herstellung und Verteilung der Flugblätter gewesen. So will sie die übrigen Mitglieder der Gruppe schützen.
Auch als Mohr ihr anbietet, sie zu verschonen, wenn sie sich als Mitläuferin darstellen lasse, verrät Sophie ihre Überzeugungen nicht. Ihre letzten Worte an die Nazis sind: „Heute hängt ihr uns, morgen werdet ihr es sein, deren Köpfe rollen.“

Regisseur Marc Rothemund stellt die Kunst seiner Schauspieler in den Mittelpunkt. Dank dieser Entscheidung ist „Sophie Scholl“ ein außergewöhnlich beeindruckender Film geworden.

Julia Jentsch gelingt es, Sophies beinahe unfassliche Stärke glaubhaft zu machen, ohne ihre Angst und Verzweiflung zu verleugnen. Alexander Held gestattet seiner Figur Momente von Verunsicherung und Mitgefühl – und lässt die ideologische Verblendung des Gestapo-Mannes dadurch umso bedrückender erscheinen. Und bei der Verhandlung vor dem so genannten Volksgerichtshof vermittelt Fabian Hinrichs einen Eindruck von der Standhaftigkeit, mit der Hans Scholl seine Ideen im Wissen um den bevorstehenden Tod verteidigt haben mag.

Diese Wirkung verdankt der Film auch der Sorgfalt, die Rothemund und sein Drehbuchautor Fred Breinersdorfer auf die Recherche der historischen Tatsachen verwandt haben. Den beiden standen Verhörprotokolle aus DDR-Archiven zur Verfügung, die erst nach dem Fall der Mauer einsehbar wurden.

Zudem haben sie sich von überlebenden Mitgliedern der Weißen Rose und Verwandten der Scholls beraten lassen. Auch der Sohn von Robert Mohr hat das Projekt unterstützt.

Im Gespräch erklärte Regisseur Rothemund, warum ihm „Sophie Scholl“ so viel bedeutet: „So lange es Nazis gibt, sind solche Filme wichtig. Ich fühle die Verantwortung, das Vermächtnis der Opfer zu bewahren. Mit ihrem Mut und ihrem Idealismus können Sophie und Hans Scholl auch heute Vorbilder sein.“


von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 193, 1. Januar 1970





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