Dresden 1945:

Als Menschen nichts zählten

Nazis versuchen, die Toten von Dresden für ihre Zwecke zu mißbrauchen. Dabei steht die Zerstörung von Dresden für den Horror von Faschismus und Krieg.

Die zerstörte Innenstadt von Dresden nach der Bombardierung. Innerhalb eines Tages warfen die allierten Bomber 3040 Tonnen an Bomben auf die Einwohner der Stadt ab

60 Jahre nach der Bombardierung von Dresden im Zweiten Weltkrieg sind 5000 Neonazis in der Stadt aufmarschiert. Am selben Tag haben 80.000 Antifaschisten dagegen protestiert, dass Hitlers bekennende Erben die Opfer des Angriffs missbrauchen, um die Nazi-Diktatur rein zu waschen.
Die Nationalsozialisten haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und allein in der Sowjetunion 25 Millionen Menschen ermordet. Im Holocaust sind weitere 6 Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und Behinderte in den Gaskammern von Au-schwitz und anderen Vernichtungslagern den Nazi-Mördern zum Opfer gefallen.
Den Krieg, den die Nazis begonnen hatten, brachten die britische und die US-Luftwaffe am 13. Februar 1945 nach Dresden. Sie warfen drei Monate vor der Kapitulation Deutschlands 200.000 Spreng- und 650.000 Brandbomben auf die historische Altstadt Dresdens. Das entstandene Flammenmeer ließ Fensterscheiben schmelzen. Der Feuersturm erreichte Orkanstärke.
Die Piloten hatten genaue Befehle. Sie sollten Wohnviertel und Lazarette in der Innenstadt und den von schlesischen Flüchtlingen überfüllten Hauptbahnhof zerstören – nicht die Rüstungsfabriken und den Rangierbahnhof für den Nachschub an die Ostfront. Dresden war nahezu ohne Verteidigung.
Die Menschen erwarteten keinen Angriff. Mindestens 35.000 erstickten in Kellern, wurden von Trümmern erschlagen oder verbrannten.
Die Alliierten töteten vor allem Unschuldige: Frauen, Kinder und Alte, für die es keine Bunker gab. Sterben mussten auch die Opfer der Nazis: Arbeiter, deren Gewerkschaften und politische Organisationen verboten und verfolgt wurden; Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Kommunisten, die den KZs entkommen waren.
In Dresden ging unter vertrauenswürdigen Menschen ab 1943 die Scherzfrage herum: „Warum sind wir noch nicht bombardiert worden? Weil wir mit Gauleiter Mutschmann genug gestraft sind.“
Den größten Nazi-Verbrecher der Stadt ließen die Bomben unversehrt. Mutschmann erwartete den nächsten Morgen in seinem Privatbunker.
Die Piloten der Bomber hatten klare Sicht und konnten genau erkennen, dass sie wehrlose Zivilisten töteten. Viele Soldaten empfanden Mitleid und bezweifelten, dass der Angriff notwendig war.
Die Strategie der Bombardierung dicht besiedelter Städte hatten die Alliierten von den Nazis übernommen. Für die Angriffe auf britische Städte wie London, Birmingham, Coventry und Glasgow 1940 und ´41 befahl Hitler, gezielt die Zivilbevölkerung in den Stadtzentren zu bombardieren. Die Städte sollten „ausradiert“ werden.
Auch die Alliierten haben hunderttausende Unschuldige getötet, um in der „feindlichen“ Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. 1942 befahl Sir Charles Portal, der Stabschef der britischen Luftwaffe, die Flächenbombardierung deutscher Großstädte: „Es ist klar, dass die Zielpunkte Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien.“
Arthur Harris, der Kommandant der britischen Bomberflotte ließ auch Lübeck bombardieren – eine eng bebaute Stadt mit Holzhäusern aus dem Mittelalter, die kaum verteidigt war. Begeistert berichtete er von dem „großartigen Erfolg“, dass Lübeck eher „einem Feueranzünder als einer menschlichen Siedlung“ glich. Die 320 Toten und tausenden Obdachlosen erwähnte er nicht.
In den letzten vier Monaten des Krieges bombardierte die britische Luftwaffe das bereits völlig zerstörte Essen mit der Begründung, dass in den menschenleeren Trümmern neue Industrien aufgebaut werden könnten. Weitere Angriffe wurden 1945 auf Bonn, Würzburg, Freiburg, Heilbronn, Nürnberg, Hildesheim, Mainz, Paderborn, Magdeburg, Halberstadt, Worms, Pforzheim, Trier, Potsdam und Dresden geflogen – weil es kaum noch Städte gab, die nicht zerstört waren.
Die Alliierten begründeten die Zerstörung Dresdens damit, die Menschen zum Aufstand gegen die Nazis bewegen zu wollen. Doch die Deutschen stürzten Hitler nicht, obwohl er weiter hunderttausende in einen längst verlorenen Krieg schickte und noch in den letzten Kriegstagen täglich Deserteure und Zwangsarbeiter ermorden ließ.
In Wirklichkeit trieben die Bombenangriffe die kriegsmüden Deutschen in immer größere Abhängigkeit von den Nazis. Im alliierten Bombengewitter war an Widerstand nicht zu denken. „Das erste, was ein Bombenopfer braucht, ist eine Stulle und einen Tee – und keine Revolution“, so der Historiker Friedrich. „Man richtete Teeküchen ein und wenn angegriffen wurde, stand die Partei bereit und schmierte hunderttausende Butterbrote.“
Selbst Kenneth Galbraith, der frühere Chef der US-Aufklärungsabteilung, hielt die Flächenbombardierungen für sinnlos: „Die Angriffe auf deutsche Städte und die Angriffe auf Industrieanlagen, hatten keinen Effekt auf den Kriegsverlauf.“
Lediglich für rund 170 Juden, die wenige Tage später in KZs transportiert werden sollten, war die Bombardierung Dresdens eine Chance. Sofern sie dabei nicht ebenfalls starben, konnten sie fliehen.
Ansonsten haben die Alliierten jedoch nichts getan, um den Holocaust aufzuhalten. Täglich wurden Menschen in Zügen nach Auschwitz und in andere KZs transportiert.
Spätestens seit 1944 hätten alliierte Bomber Gleise, Gaskammern oder Krematorien der Vernichtungslager zerstören können. Doch nicht ein einziges KZ wurde bombardiert – obwohl die Alliierten genau über den Massenmord der Nazis informiert waren.
Die Alliierten ging es im Krieg nicht um die Befreiung von Menschen . Stattdessen wurden die Soldaten in den Krieg geschickt, um die Macht ihrer jeweiligen Staaten auszuweiten. Der Sturz der Nazis war nur ein Nebeneffekt.
Als die Alliierten Dresden bombardierten, hatten sie unter sich die eroberten Gebiete schon aufgeteilt. Die Sowjetunion setzte in ganz Osteuropa verbündete Regierungen ein. Die USA und Großbritannien konnten Westeuropa und Griechenland kontrollieren.
Um ihre neuen Machtbereiche zu sichern, griffen auch die Alliierten zu brutalen Mitteln. In Griechenland hatte die antifaschistische Nationale Befreiungsfront EAM vier Fünftel des Landes von der deutschen Armee befreit.
Die Bewegung hatte zwei Millionen Mitglieder und Sympathisanten bei einer Gesamtbevölkerung Griechenlands von sieben Millionen.
Zwei Tage nachdem die Deutschen 1944 aus der Hauptstadt Athen abziehen mussten, kamen britische Truppen. Tausende Griechen ließen zur Begrüßung den britischen Premierminister Churchill hochleben. Doch er wollte „die Niederlage der EAM“.
Wenig später ermordete die britische Armee Mitglieder der EAM oder warf sie ins Gefängnis. Obwohl die USA die Niederwerfung der revolutionären Bewegung mit 797 Millionen Dollar unterstützte, wurde die EAM erst 1949 geschlagen. Danach setzte die britische Regierung wieder die Militärdiktatur ein, die im Krieg mit Deutschland zusammengearbeitet hatte.
Deutschland wurde unter den Alliierten aufgeteilt, was 1949 zur Spaltung in BRD und DDR führte. Nach dem Krieg beließen die Alliierten zahlreiche Nazis in Verwaltung, Justiz und Wirtschaft, wenn diese mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Alliierte Militärpolizei zerschlug Streiks, mit denen Arbeiter nach 1945 die Enteignung von Unternehmern forderten, die mit Hitler zusammengearbeitet hatten.
Die Besatzer verbaten antifaschistische Komitees, die die Entlassung von Nazis aus der Verwaltung verlangten. Sie verbaten Gewerkschaften, nicht jedoch Unternehmerverbände.
Vor allem die USA und die Sowjet-union bereiteten schon während des Sieges über Deutschland den Kalten Krieg gegeneinander vor und sicherten sich Einflussgebiete auf der ganzen Welt. Noch 1945 warfen die USA Atombomben auf die Großstädte Hiroshima und Nagasaki im mit Deutschland verbündeten Japan.
Die USA hätten den Krieg auch ohne diese Massenvernichtung gewonnen. Doch sie wollten der Welt und vor allem der Sowjetunion die Durchschlagskraft der neuen Waffe demonstrieren, die damals nur die USA besaßen.
Zehntausende haben 60 Jahre nach der Bombardierung in Dresden gegen Krieg und Faschismus demonstriert − damit sich der Horror nie wiederholt.


von Irmgard Wurdack (E-Mail), Hans Krause




Linksruck Nr. 193, 1. Januar 1970





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