Muss Kunst Antworten geben?

Die heutige Kunst entsteht innerhalb einer Klassengesellschaft. Wie ein Arbeiter oder Manager lebt ein Künstler im Kapitalismus. Und wie jeder andere Mensch ist ein Künstler nicht frei von den hier herrschenden Ideen, zum Beispiel ausländerfeindlichen oder frauenfeindlichen.

Die Widersprüche, die ein Leben in diesem System mit sich bringt, prägen deshalb auch das Werk jedes Künstlers. Der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez hat beispielsweise oft die Ausbeutung der Armen Lateinamerikas angeprangert. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, in seinem jüngsten Roman, „Erinnerung an meine traurigen Huren“, eine bedenkliche Bordellromantik zu verbreiten.

Von einem Künstler zu erwarten, dass er Antworten auf die Probleme des Kapitalismus gibt, hieße, Kunst mit den Maßstäben des Marxismus zu beurteilen. Eine ‚richtige’ Kunst müsste demnach davon ausgehen, dass nur Arbeiter eine bessere Welt erkämpfen können.

Die meisten bedeutenden Künstler sind aber keine Sozialisten. Und selbst marxistisch beeinflusste Künstler wie der Schriftsteller Bertolt Brecht oder der britische Regisseur Ken Loach haben in vielen ihrer Werke die Leiden der Menschen im Kapitalismus dargestellt, ohne eine Lösung aufzuzeigen.

Kunst funktioniert anders als Politik. Der russische Revolutionär Leo Trotzki schrieb: „Kunst ist eine Form der Erkenntnis der Welt nicht als System von Gesetzmäßigkeiten, sondern als Anordnung von Bildern.“ Er bezog sich auf den Kritiker Belinski, der einmal gesagt hat, ein Künstler beweise die Wahrheit nicht, er zeige sie.

Was das bedeutet, lässt sich gut an dem französischen Schriftsteller Honoré de Balzac nachvollziehen. Balzac verfasste in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein vielbändiges Romanwerk, die „Menschliche Komödie“, in dem er die französische Gesellschaft porträtierte.

Zu seinen Bewunderern zählten Marx und Engels. Engels erklärte, er habe von Balzac mehr gelernt, „als von allen berufsmäßigen Historikern, Ökonomen und Statistikern dieser Zeit zusammengenommen“.

Poltisch war Balzac ein Legitimist. Das heißt, er stand auf Seiten der Adligen. Dennoch sind die Adligen in der „Menschlichen Komödie“ meist mit Verachtung gezeichnet. Von seinen schärfsten politischen Gegnern, den Vertretern des demokratischen Bürgertums, spricht Balzac hingegen mit Bewunderung.

Die Romane Balzacs widersprechen also seiner politischen Überzeugung. Er besaß keine Lösung für die Probleme seiner Zeit, und wenn er eine vorgeschlagen hätte, so wäre sie wahrscheinlich auf die Wiedererrichtung des Königtums hinausgelaufen.

Die Bedeutung seines Werkes besteht darin, dass es ein wahrheitsgemäßes Bild der französischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert mit ihren Kämpfen und Ungerechtigkeiten zeichnet. Balzac verrät diese Wahrheit nicht für eine falsche Lösung. Ähnliches gilt für viele wichtige Schriftsteller.

Kunst hat nicht die Aufgabe, Lösungen aufzuzeigen. Eher schon muss sie die richtigen Fragen stellen.

Vor allem hilft uns Kunst zu begreifen, wie Menschen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in der Klassengesellschaft leben: Wie sie denken und fühlen, was ihre Ängste und Träume sind.

Diese Menschen können weit von uns weg sein: ein armer Bauer aus einer Geschichte von Balzac. Sie können uns auch nah sein: die jungen Aktivisten aus Hans Weingartners Film „Die fetten Jahre sind vorbei“.

Dank der Kunst können wir uns fremde Erfahrungen zu Eigen machen. So bereichert sie unser Empfinden, ebenso wie unser Wissen über uns selbst und unsere Zeit.

Ein Kunstwerk allein macht niemanden zum Revolutionär. Aber das heißt nicht, dass Kunst gar nichts vermag. Der russische Regisseur Sergej Eisenstein drehte nach der Oktoberrevolution einige großartige Filme.

Er wollte den Zorn der Arbeiter über den Kapitalismus schüren und ihre Solidarität mit anderen Unterdrückten stärken. Dennoch endet sein erster Film, „Streik“, mit einem Massaker an streikenden Arbeitern.

Auf den ersten Blick macht der Film keine Hoffnung. Aber Eisenstein wollte, dass seine Zuschauer „Nein!“ zu den im Film gezeigten Grausamkeiten sagen und das Kino mit dem Gedanken „Jetzt erst recht!“ verlassen. So kann Kunst, die keine Antworten gibt, dazu anregen, die Welt zu verändern.


von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 194, 1. Januar 1970





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