"Viele junge Frauen werden aktiv"

8.März Zum internationalen Frauentag:

Krieg und Globalisierung bestimmen das Leben von Frauen überall auf der Welt. Die irische Autorin und Aktivistin Goretti Horgan sprach mit Christine Buchholz über den Kampf für Frauenrechte im 21. Jahrhundert.

Goretti Horgan ist Sozialistin und seit 25 Jahren in der Frauenbewegung aktiv. Sie lebt in Derry/ Nordirland.
Schlechte Kinderbetreuung ist immer noch ein Problem für die Erwerbstätigkeit von Frauen. 2000 gab es nur für 5,5 Prozent der Kinder in Westdeutschland Betreuungsangebote. Vor der Geburt des ersten Kindes waren 84 Prozent aller Mütter in Westdeutschland erwerbstätig, nach der Geburt waren es nur noch 11 Prozent. In Ostdeutschland arbeiteten 77 Prozent vor der ersten Geburt, danach nur noch 7 Prozent.
Frauen werden bei vergleichbarer Arbeit schlechter bezahlt als Männer. 1997 lagen die Löhne von Frauen je nach Ausbildung in Westdeutschland bei zwischen 69 und 82 Prozent der Männerlöhne. In Ostdeutschland lagen die Löhne der Frauen bei 77 bis 79 Prozent der Männerlöhne.
Am 8. März, dem internationalen Frauentag, wird auf der ganzen Welt über die Rolle der Frauen diskutiert. Aber das herausragende politische Thema ist zur Zeit der Krieg gegen den Irak. Was wird der Krieg für die Frauen im Irak bedeuten?

Wenn ich darüber spreche, wie sich Krieg auf Frauen auswirkt, meine ich Frauen und Kinder. Frauen erleben viel über ihre Kinder. Der Revolutionär Trotzki meinte, um die Welt verstehen zu können, müssten wir sie durch die Augen von Frauen und Kindern betrachten.
Kinder im Irak sterben schon jetzt durch die UN-Sanktionen. Laut der Kinderhilfsorganisation Unicef sind seit 1991 bereits eine halbe Million Kinder gestorben. Eine weitere Million Kinder sind vom Hungertod bedroht, wenn der Krieg beginnt. Die meisten Frauen fürchten den Tod ihrer Kinder mehr als den eigenen Tod.
Zudem bedeutet Krieg immer, dass die Rolle von Frauen in der Familie noch schwieriger und gefährlicher wird. Sie tragen die Bürde der Versorgung und Pflege von Kindern, Alten und Verwundeten.

Kann der Krieg gegen den Irak einen positiven Effekt auf Frauen haben? In Afghanistan sind die Taliban nicht mehr an der Macht.

In Afghanistan hat sich an der Situation für die meisten Frauen nichts geändert. Sie müssen weiterhin die Burkha tragen und fühlen sich unsicher. Auch die eine Ministerin, die es nach dem Krieg gab, hat ihren Posten verloren.
Abgesehen davon ist der Irak ein säkulares Land. Anders als zum Beispiel in Saudi-Arabien können Frauen im Irak arbeiten und studieren und tun dies auch. Wenn unsere Herrscher meinen, Frauen könnten in irgendeiner Form von diesem Krieg profitieren, dann ist das eine Lüge.

George Bush junior bedroht das Leben von Frauen im Nahen Osten. George Bush senior hat die Zeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks als Phase des Friedens und Wohlstands beschrieben. Welchen Wohlstand hat die Globalisierung den Frauen gebracht?

Bis in die 1980er Jahre war die Kinder- und Müttersterblichkeit in den sich entwickelnden Ländern gesunken. Seit in den 1990er Jahren ist sie rasant nach oben geschnellt. Hintergrund sind die Strukturanpassungsprogramme, die Institutionen wie der Internationale Währungsfonds (IWF) armen Ländern aufzwingen.
Beispielsweise werden Kredite an die Privatisierung von öffentlichen Einrichtungen gebunden. Unter dem Diktat des IWF sind die Benutzungsgebühren von Gesundheitseinrichtungen derart gestiegen, dass Kinder durch leicht behandelbare Krankheiten sterben, weil ihre Eltern die Behandlung nicht bezahlen können.
In Nigeria ist die Anzahl der Frauen, die während der Geburt sterben, angewachsen, seitdem die Kosten für eine Geburt im Krankenhaus das Vielfache eines Monatslohns einer armen Frau beträgt.

Frauen sind also Opfer der Globalisierung...

Ja, auf jeden Fall, aber sie sind auch der Motor der Globalisierung. Multinationale Konzerne suchen weltweit billige Arbeitskräfte. Die Arbeit von Millionen von Frauen in den Fabriken dieser Konzerne hat die Globalisierung erst möglich gemacht. Das gilt besonders für die "Tigerstaaten" wie Indonesien, Südkorea und Thailand, aber auch Irland. Über Irland kann ich am meisten sagen, aber ähnliche gute und schlechte Erfahrungen gibt es auch in anderen Ländern.
Der Eintritt von Frauen in die Arbeiterklasse hat dazu beigetragen, dass ihre traditionelle Rolle aufgebrochen wurde. Die Globalisierung hat es erstmals möglich gemacht, dass viele Frauen außerhalb des Hauses arbeiten und wirtschaftlich unabhängig sind. Damit ist auch mehr sexuelle Befreiung möglich.
Frauen haben eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit und nehmen auch in allen Bereichen der Gesellschaft teil. Man kann diese Veränderung auf den Straßen von Irland beobachten. Heute sieht man viele Männer, die Kinderwagen schieben. Das war vor 20 Jahren undenkbar.
Auf der anderen Seite sind viele Jobs, die nach Irland gekommen sind, Billigjobs, etwa in Call Centers. Dort arbeiten Frauen, und Männer, unter schlechten Bedingungen. Sie haben wenig Freizeit und oft keine Möglichkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Die Wirtschaft ist sehr schnell gewachsen. Aber es gibt keine staatliche Kinderversorgung und auch keine Zuschüsse. Frauen müssen sich oft zwischen einem Job oder Kindern entscheiden.

Was halten denn die Frauen in Irland von der Entwicklung?

Die meisten werden antworten, dass das Leben von Frauen vor 20 Jahren keine Alternative zu dem heutigen ist. Sie wollen außerhalb des Hauses sein und das ist das Wichtigste. Diese Entwicklung kann man überall beobachten. Auch in den Schwellenländern haben Frauen die Freiheiten des städtischen Lebens kennen gelernt und wollen nicht wieder zurück aufs Dorf.
Das Problem ist, dass das Leben so schwer ist, weil alle Lebensbereiche dem Markt untergeordnet werden.

Die Bewegung von Seattle, Genua und Florenz richtet sich ja gegen dieses Diktat des Marktes. Auf dem europäischen Sozialforum letzten November in Florenz waren die Veranstaltungen über Frauen und Globalisierung gut besucht und sehr lebendig. Erleben wir eine neue Frauenbewegung?

Die antikapitalistische Bewegung gibt vielen Menschen Hoffnung. Viele junge Frauen werden aktiv und verstehen, wie ihr eigenes Leben mit dem ganzen System zusammenhängt.
Zum ersten Mal seit der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 70er Jahren nehme ich wahr, dass die Fragen nach Kinderbetreuung, dem Recht auf Abtreibung und gleichem Lohn wieder eine wichtige Rolle spielen. Das ist ein Gegentrend zu der Strömung im Feminismus, der es als Hauptziel hatte Gleichberechtigung in Institutionen durchzusetzen oder Frauen zur Karriere zu verhelfen.

Auf dem nächsten Europäischen Sozialforum soll es an einem Tag ein Frauenforum geben. Was hältst Du davon?

Ich halte es für wichtig, dass die Situation von Frauen auf der Tagesordnung ist. Ich bin aber ein bisschen besorgt darüber, dass man die Probleme von Frauen von den allgemeinen Problemen getrennt betrachten wird.
Die Frage von Niedriglöhnen ist zum Beispiel eine Frage, die auch die Mehrheit der Männer betrifft. Während es in Großbritannien und Irland einen großen Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen bei den obersten 25 Prozent der Einkommen gibt, so ist diese Kluft bei den unteren zwei Dritteln deutlich geringer. Es hat also eine Lohnangleichung auf niedrigem Niveau gegeben.
Ein getrenntes Frauenforum beinhaltet die Vorstellung, dass alle Frauen dieselben Interessen teilen. Auf dem letzten Europäischen Sozialforum in Florenz ist für viele sehr deutlich geworden, dass einige Frauen ein anderes Interesse habe als andere.
Ein Beispiel: Reiche Frauen stellen ausländische Frauen zu geringen Löhnen ein, damit diese sich um ihre Kinder kümmern. Das erhöht die Unterdrückung von ausländischen Frauen. Kann man diese unterschiedlichen Bedürfnisse dieser Frauen versöhnen? Für viele der jungen Frauen in Florenz war klar, dass dies unmöglich ist. Sie sehen, dass die Frauen, die täglich ums Überleben kämpfen müssen auf einer anderen Seite stehen als die wenigen Frauen, die Karriere machen.


Linksruck Nr. 148, 1. Januar 1970





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