Buch: Die grauen Seelen:

Schlachten hinter der Front

Der Erste Weltkrieg zerstört eine Stadt, ohne dass dort ein Schuss fällt.

Philippe Claudel: Die grauen Seelen, Rowohlt, 2004, 19,90 Euro

Herbst 1917. Seit über drei Jahren wütet der Erste Weltkrieg. In einer französischen Kleinstadt wird die Leiche eines kleinen Mädchens gefunden. Das Kind liegt erwürgt am Fluss.
Den Tod sind die Menschen seit Langem gewöhnt. Täglich ziehen Soldaten durch die Straßen an die Front. Täglich kehren Verwundete zurück: verstümmelt, verstört, verrückt. Doch der Mord an dem kleinen Mädchen erschüttert die Einwohner. Sie war erst zehn und wurde von allen „Belle“, die Schöne, genannt.

Der Ich-Erzähler in „Die grauen Seelen“ ist Polizist. Er scheitert daran, den Mord an Belle aufzuklären. Die Mächtigen der Stadt schützen den Hauptverdächtigen, einen Staatsanwalt, weil er aus ihren Reihen stammt. Stattdessen lassen sie einen vorm Krieg geflohenen Soldaten hinrichten, ohne sich dafür zu interessieren, ob er schuldig ist oder nicht.

Der Roman beginnt als Krimi, wird aber bald zum Gesellschaftsroman. Claudel wirft einen immer erbarmungsloseren Blick in die Hölle der Kleinstadt. Wie „graue Seelen“ ziehen die Figuren des Romans in einer langen Reihe vorüber. Es sind vereinsamte, gebrochene Menschen, die ihre Hoffnung auf ein besseres Leben verloren haben.

Der Autor zeigt zum einen die Herrschenden: einen selbstverliebten und grausamen Richter; oder einen Offizier, der sich für einen verfolgten Juden einsetzte, sich damit seine Karriere verbaute und danach unmenschlicher wurde als alle anderen. Daneben beschreibt Claudel Menschen, die ganz unten stehen: eine Frau, die als Dienstmädchen sexuell missbraucht wurde, und seitdem davon lebt, Felle zu verkaufen oder einen fahnenflüchtigen Arbeiter, der seine Henker verspottet. Ihnen gilt die Sympathie des Autors.

Doch die Hauptrolle in „Die grauen Seelen“ spielt der Krieg. Claudel führt vor, wie der Krieg eine ganze Stadt immer verbitterter, gewinnsüchtiger und korrupter macht.
Der Autor zeigt die Schrecken des Krieges, ohne den Krieg selbst zu zeigen. Hier werden die Schlachten hinter der Front ausgefochten.

Claudel ist ein wichtiges Buch gelungen. Auch ein verzweifeltes Buch, ja. „Die grauen Seelen“ zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die durch Krieg und Ausbeutung vollkommen zerstört wird.


von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 195, 1. Januar 1970





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