Kolumne: Das Leben wird Hart(z):

Motivieren statt strafen

von Bill Hansen (Name von der Redaktion geändert), Leistungssachbearbeiter bei der „Hamburger Arbeitsgemeinschaft SGB II“

Ich bearbeite Arbeitslosengeld-II-Anträge. Die Arbeitssituation bei uns lässt sehr zu wünschen übrig. Das liegt daran, dass Struktur, Technik und Software derzeit nicht geeignet sind. Es gibt sehr viele Ausfälle des Systems. Die Software berücksichtigt viele Dinge nicht, zum Beispiel Rückforderungen oder Ersatzansprüche. Das Programm macht auch Buchungen, die für uns nicht nachvollziebar sind. Wo man früher 5 Minuten gebraucht hat, um einen Vorgang zu bearbeiten, benötigen wir derzeit eine halbe bis dreiviertel Stunde.

Das zweite Problem ist, dass die Mitarbeiter nur wenig geschult worden sind. Zwei Tage Schulung je Mitarbeiter für ein ganzes Programm sind ein Witz.

Früher konnten wir auch viel mehr auf den einzelnen Arbeitslosen beziehungsweise Sozialhilfeempfänger eingehen. Jetzt nur auf die Masse. Das ist ein gravierendes Problem. Denn wenn man jemanden vermitteln will, dann muss man ihn erst einmal kennen lernen: seine Wünsche, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Das ist zurzeit nicht möglich.
Weil Personal fehlt, können wir nur schlecht vermitteln.

Außerdem fragen die Arbeitgeber vor allem Fachkräfte nach. Die Bewerber sollen eine abgeschlossene Berufsausbildung und Berufserfahrung haben. Deswegen kommen viele Jugendliche, die dem nicht entsprechen, nur in Trainingsmaßnahmen. Dabei geht es nur darum, sie aus der Arbeitslosenstatistik herauszuhalten. In reguläre Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, wird sehr schwer.

Ich finde es vernünftig, dass es mit Hartz IV nun eine Unterteilung in Erwerbfähige und Nicht-Erwerbsfähige gibt. Ich bin aber skeptisch, ob Kürzungen der Regelleistungen bei Arbeitslosen der richtige Weg sind. Arbeitslose müssen individuell motiviert und betreut werden, nicht bestraft.




Linksruck Nr. 196, 1. Januar 1970





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