Fettes Brot – Am Wasser gebaut:

Wie nah ist Havanna?

Auf dem neuen Tonträger der Neu-Berliner Hip-Hopper mischen sich ernste Töne in die lustigen Reime.

„Lass die Finger von Emanuela“, raten die drei Jungs von Fettes Brot einem Unglücklichen, dessen heiße Liebe unerwidert bleibt. Der Hip-Hop-Tango-Mix kündigte das neue Album „Am Wasser gebaut“ an, das Ende März erschienen ist.

Einsame, Gescheiterte und Ratlose spielen große Rollen in den Geschichten, die Fettes Brot darauf erzählen. Den Widrigkeiten ihres Lebens versuchen die Figuren zu trotzen, so gut sie können.

„Soll das alles sein“ zum Beispiel ist ein Lied aus der Sicht einer allein erziehenden Mutter zweier Kinder. Sie flucht auf den Feigling, der die drei alleine gelassen hat, und auf die miesen Jobs in den Stellenanzeigen.

Neulich rutschte ihr die Hand aus, doch niemand, der ihre Geschichte hört, zweifelt daran, dass sie ihre Kinder liebt. Nur lastet gewaltiger Druck auf ihr, und zwischen Arbeiten, Kochen und Schlafen bleibt ihr kaum Zeit für sich selbst oder ihre Kinder.

„Die absolute Wahnsinnsshow“ – das ist die Welt Anfang des 21. Jahrhunderts, wie Fettes Brot in „An Tagen wie diesen“ singen. Krieg in der Zeitung, schlechte Nachrichten im Radio – und dann wird vor dem Bäcker auch noch eine Katze überfahren.

Aber Fettes Brot verzweifeln nicht, sondern sind bereit, etwas zu unternehmen. Björn Beton möchte seiner Freundin etwas selbst Gemachtes zum Geburtstag schenken: Eine Revolution. Sie hat sich gewünscht, dass die Welt besser wird.

Labern oder Bäume pflanzen reicht dafür nicht aus, weiß Björn, also sagt er es allen weiter: Freitag auf dem Ku’damm geht es los mit dem Aufstand. Die Freundin zweifelt: Berlin ist nicht Havanna.

Aber Björn lässt sich nicht beirren: „Wenn alle Leute kommen, die dieses Land verändern wollen, dann haben wir doch schon gewonnen – ich glaub daran!“ („Kuba“)
Fettes Brot sind nah dran am Leben von Millionen: Sie haben Angst vor der Zukunft, die Hoffnung, dass es anders geht, und immer Zeit für einen Scherz.

Damit hebt sich die Band angenehm ab von anderen Berliner Hip-Hop-Produktionen wie zum Beispiel Sido. Auch er behauptet, nah dran zu sein am „wahren Leben“, verbreitet dann aber nur Frauen verachtendes brutales Geschwätz.
Musikalisch geben sich Fettes Brot abwechslungsreich. „Lauterbach“ rockt ordentlich, und mit „Soll das alles sein“ ist ihnen eine schöne R’n’B-Nummer gelungen.
Der Rest klingt zwar ganz nett, aber auf die Dauer etwas zu entspannt. Ein wenig bissiger hätte es schon sein dürfen. Trotzdem: ein tolles Album.


von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 197, 1. Januar 1970





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