Brutal, aber legal

Die Ausländerbehörde Hildesheim kennt keine Gnade: Sie trennte eine Familie und schob die schwangere Mutter ab.

Gazale Salame ist aus Deutschland in die Türkei abgeschoben worden und lebt dort unter katastrophalen Umständen in einem Armenviertel der Stadt Ismir.

Sie ist im fünften Monat schwanger und körperlich und seelisch krank. In der Türkei müssen die Menschen Medikamente selbst bezahlen, doch die 24-jährige hat kein Geld, auch nicht für einen Arzt.

Die junge Frau ist in ein Land abgeschoben worden, das sie nicht kennt und dessen Sprache sie nicht spricht. Denn Gazale stammt nicht aus der Türkei, sondern aus dem Libanon.

Gazale ist mit sieben Jahren vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen und hat die letzten 17 Jahre hier gelebt.

Sie vermisst ihren Mann und ihre beiden Töchter (sechs und sieben Jahre). Die drei leben in der Nähe von Hildesheim und kämpfen derzeit darum, dass Gazale zu ihnen nach Deutschland zurückkehren darf. Auch sie werden von der Ausländerbehörde mit Abschiebung bedroht.

„Gazale darf nur noch liegen, um ihr ungeborenes Kind nicht zu gefährden“, berichtet Katharina Wesenick vom Arbeitskreis Asyl Göttingen gegenüber Linksruck.

Sie hat die schwangere Kranke in der Türkei besucht und über ihre Lage einen Bericht verfasst: Gazale muss auf dem Boden schlafen, denn sie wurde von einer Familie aufgenommen, die unter dem Existenzminimum lebt. Es gibt nicht genug Matratzen für alle. In der 40-Quadratmeter-Wohnung leben zehn Menschen. Die Wohnung ist feucht, kaum beheizt, die Zimmerdecken verschimmelt.

Als ob das nicht genug wäre, ist Gazales einjährige Tochter Schams an Asthma erkrankt. Die Krankheit hat sie seit jenem Tag im Februar, an dem ihr Vater ihre beiden älteren Schwestern zur Schule brachte und sie mit ihrer Mutter allein zu Hause war. Zu Hause, das war damals noch in Algermissen bei Hildesheim. Dann kam die Polizei, obwohl kein Mitglied der Familie etwas verbrochen hatte. Das war um acht Uhr morgens. Um zwölf Uhr hatten die Polizisten Gazale und die kleine Schams bereits in ein Flugzeug in die Türkei gesteckt. Die Mutter war bereits im zweiten Monat schwanger. Laut Gesetz ist solche brutale Familientrennung möglich.

Manchmal sieht Gazale ihre beiden älteren Töchter neben sich sitzen. Aber das sind nur Sinnestäuschungen. Darunter leidet die Frau seit der Abschiebung häufiger. Ihr einziger Wunsch ist, zu ihrer Familie zurück-kehren zu dürfen.


von Frank Eßers (E-Mail)


Wer helfen will, wendet sich bitte an den Arbeitskreis Asyl Göttingen, Telefon: 0551/99 51 852, E-Mail: akasylgoe@t-online.de, Internet: www.abschiebemaschinerie-stoppen.de

Linksruck Nr. 200, 1. Januar 1970





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