Karl Marx:

Vor allem war er Revolutionär

SPD-Chef Müntefering behauptet, er sei gegen zu viel Kapitalismus. Warum man ihn stürzen muss und dass die Arbeiterbewegung das schaffen kann, zeigte Karl Marx vor 150 Jahren.

Buchtipp

Dieses Buch ist eine verständliche, moderne Einführung in Marx’ Leben und seine Ideen:
Alex Callinicos: Die revolutionären Ideen von Karl Marx
Erschienen 2005, Neuer ISP-Verlag, 264 Seiten, 14,80 Euro

Als junger Mann protestiert Karl Marx mit anderen Philosophiestudenten und -lehrern, sowie Schriftstellern gegen die Diktatur des Adels und der Kirche. Deutschland war in den 1830er und 40er Jahren in kleine Fürstentümer geteilt und wirtschaftlich rückständig.

Die jungen Philosophen streiten für politische Freiheiten wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Sie wollen über die Irrtümer und das Schmarotzertum der Herrschenden aufklären und die Menschen zum Kampf für einen gerechten Staat führen. Ihr Ziel ist: „Alle Menschen werden Brüder“, wie auch Ludwig van Beethoven in seinem Stück „An die Freude“ schreibt.

Auch nach dem Studium versucht Marx, seine revolutionären Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Darüber streitet er sich mit vielen anderen fortschrittlichen Philosophen, die sich auf Druck des Staates zurückgezogen haben.

Marx ärgert sich über seine Kollegen, die nur über den Kapitalismus grübeln. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an sie zu verändern“, schreibt er später.

1841 wird Marx politischer Enthüllungsjournalist bei der Rheinischen Zeitung. Er verfolgt im Landtag Diskussionen über Diebstahl von Holz und schreibt über die Diebe: arme Weinbauern, die stehlen müssen, um nicht zu erfrieren. Der Landtag verschärft die Gesetze, weil Industrielle und Großgrundbesitzer darauf bestehen, dass Holz Privateigentum sei, das der Staat schützen müsse.

Marx will ein Bündnis von Philosophen und Arbeitern aufbauen. Die besitzlosen Industriearbeiter sind für ihn die elendste aller Klassen, nicht aber – wie er später meint – die mächtigste. Sobald sie gemeinsam gleiches Wahlrecht für alle erkämpft hätten, könnte ein demokratisch kontrollierter Staat Gerechtigkeit schaffen.

Die Intellektuellen müssten den Arbeitern jedoch erst erklären, wofür und wie sie kämpfen sollen: „Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat.“
Diese herablassende Meinung verwarf Marx 1844 in Paris. Dorthin musste er wegen der staatlichen Zensur in Preußen fliehen.

Frankreich war damals schon industrialisiert. Anders als in Berlin oder Köln treffen sich regelmäßig zehntausende Arbeiter in vielen kommunistischen und sozialistischen Vereinen.

Marx ist in der Arbeiterbewegung aktiv und studiert und analysiert ihre Erfolge und Niederlagen. Er beschäftigt sich gleichzeitig mit Wirtschaftswissenschaft, um den Kapitalismus zu erklären.

Von der organisierten Arbeiterbewegung ist Marx begeistert: „Jedenfalls bereitet die Geschichte unter diesen ‚Barbaren’ das praktische Element zur Emanzipation des Menschen vor.“ Mit seinem Freund und wissenschaftlichem Partner Friedrich Engels ist er in Arbeitervereinen aktiv, schreibt Kampfbroschüren und Zeitungsartikel und baut die Kommunistische Liga auf.
Gemeinsam schreiben Marx und Engels deren Programm: „Das kommunistische Manifest“, ein Handbuch für jeden, der eine gerechte Gesellschaft will.

Darin erklären die Autoren, warum die Arbeiterbewegung die Kapitalisten enteignen und die besitzlose Bevölkerung die Wirtschaft demokratisch planen muss: Der Kapitalismus hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass alle Menschen mehr als genug haben, vorausgesetzt, der Reichtum, den die Arbeiter herstellen, wird gerecht verteilt.
Doch die Wirtschaft wird von einer kleinen Minderheit von Fabrikbesitzern, Managern und Großaktionären beherrscht, deren einziges Ziel höhere Profite sind. Die Menschen sind ihnen egal.

In der Geschichte litten die Menschen immer wieder unter Wirtschaftskrisen. Doch „in den Krisen (des Kapitalismus) bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnot, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zuviel Lebensmittel, zuviel Industrie, zuviel Handel besitzt.“

Die Herren der Fabriken sind zugleich die Herren der Welt: Sie zwingen den Regierungen ihren Willen auf. Armeen führen ihren Konkurrenzkampf um Märkte und Rohstoffe mit Waffen, wenn „friedliche Mittel“ nicht mehr wirken.
Nicht gewählte Polizeipräsidenten, Richter, Gefängnisvorsteher misshandeln und sperren alle weg, die ihren Hunger „illegal“ stillen und damit das Privateigentum nicht hinnehmen. Eine gerechte Gesellschaft kann nur geschaffen werden, wenn die besitzlose Mehrheit den Staat stürzt, entwaffnet und die Macht in die eigenen Hände nimmt.

Für Marx sind auch jetzt Arbeiter und Angestellte die wichtigste gesellschaftliche Gruppe. Jedoch nicht mehr, weil er sie für bedauernswert, sondern weil er sie für mächtig hält.

Der Grund ist, dass nur durch ihre Arbeit die Kapitalisten reich werden: „Die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit“, oder wie die Globalisierungskritikerin Arundhati Roy es heute ausdrückt: „Sie (die Kapitalisten) brauchen uns mehr, als wir sie brauchen.“

Außerdem sind die Arbeiter die erste unterdrückte Klasse, die eine solidarische Gesellschaft erkämpfen kann. Weil sie jeden Kampf gegen ihre Ausbeuter nur gemeinsam gewinnen können, kann aus der Arbeiterbewegung eine erfolgreiche revolutionäre Massenbewegung entstehen: mit Demonstrationen, Streiks, Betriebsbesetzungen, bis sie die wirtschaftliche und politische Macht in die Hand nehmen.

Um den Kapitalismus zu stürzen, müssen alle Arbeiter sich an der Revolution beteiligen. Sie müssen Vorurteile ablegen und gegen jede Art von Unterdrückung vorgehen. Die Arbeiterbewegung kann nur gewinnen, wenn Heterosexuelle solidarisch mit Homosexuellen, Weiße solidarisch mit Schwarzen und Männer solidarisch mit Frauen kämpfen.

„Alle früheren Klassen, die sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu sichern. Die Proletarier haben nichts von dem Ihrigen zu sichern. Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl.“

Unmittelbar nach der Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifests“ brechen 1848 in ganz Europa Revolutionen aus, die vom Bürgertum angeführt werden. Doch von Palermo bis Berlin, von Budapest bis Paris kämpfen auch Arbeiter auf Straßen und Barrikaden für den Sturz der Monarchie und soziale Gerechtigkeit.
Marx und Engels kämpfen mit und müssen nach England fliehen. In den folgenden Jahren gibt es kaum noch Aufstände und die beiden Revolutionäre arbeiten an politischen Theorien, die sie teilweise aus den erlebten Kämpfen ableiten. In anderen Fällen lernen Marx und Engels von britischen Arbeitern, die für den 10-Stunden-Tag kämpfen, von schwarzen Amerikanern, die gegen die Sklaverei aufstehen und von vielen anderen.

1871 schaffen die Pariser die erste Arbeiterdemokratie der Geschichte. Marx sammelt jede noch so kleine Nachricht.
Die diktatorische französische Regierung flieht mit der Armee nach Versailles und lässt die Stadt ungeschützt vor den anrückenden deutschen Truppen. Die Arbeiter beschließen, Paris selbst zu verteidigen und gründen eine revolutionäre bewaffnete Stadtregierung: die Pariser Kommune.

Die Abgeordneten sind ihren Wählern rechenschaftspflichtig und können jederzeit abgesetzt werden. Auch Polizei- und Gerichtsbeamte werden gewählt und können ebenfalls jederzeit abgesetzt werden. Alle bekommen den gleichen Lohn wie die Arbeiter.

Marx ist Feuer und Flamme: „Wunderbar war die Verwandlung, die die Kommune an Paris vollzogen hatte! Paris war nicht länger der Sammelplatz von britischen Grundbesitzern, amerikanischen Ex-Sklavenhaltern, russischen Ex-Leibeignenbesitzern. Keine Leichen mehr in der Morgue, keine nächtlichen Einbrüche und fast keine Diebstähle mehr; und das ohne Polizei.
Paris, arbeitend, denkend, kämpfend, über seiner Vorbereitung einer neuen Gesellschaft fast vergessend der Kannibalen vor seinen Toren, strahlend in der Begeisterung seiner geschichtlichen Initiative“
, schreibt er in „Der Bürgerkrieg in Frankreich“.

Die französische Armee schlug die Pariser Kommune blutig nieder. Doch sowohl die Übel des Kapitalismus als auch die Macht der Arbeiterklasse, ihn zu stürzen, sind bis heute geblieben.

Karl Marx kannte den Weg, diese Welt zu verändern. Wer die Welt verändern will, sollte Karl Marx kennen.


von Irmgard Wurdack (E-Mail)




Linksruck Nr. 200, 1. Januar 1970





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