Irak: Kein Krieg ist sauber

Enthüllungsjournalist Seymour M. Hersh hält Bushs Krieg für eine Katastrophe.

Seymour M. Hersh, der bekannteste Enthüllungsjournalist der USA

Buchtipp: Seymour M. Hersh: Die Befehlskette

Rowohlt, 2004

398 Seiten, 14,90 Euro

1968 hast du das Massaker der US-Armee im vietnamesischen My Lai aufgedeckt. Letztes Jahr hast du die Folter der Gefangenen in Abu Ghraib enthüllt. Wie können solche Dinge passieren, wenn die Verfechter des Krieges davon sprechen, Freiheit und Demokratie in die Welt tragen zu wollen?

Unglücklicherweise passieren genau solche Dinge in Kriegen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Presse in den USA zensiert. Wir bekamen nie Bilder getöteter US-Soldaten zu sehen und bekamen nie vermittelt, was Krieg bedeutet.
Für uns bestand der Krieg aus US-Soldaten, die mit ihren Halstüchern winkten, keine Helme trugen und den Daumen in die Luft streckten. Die anderen trugen Helme und hatten ihren Sichtschutz hochgeklappt. Wir bekamen eine wunderbare Hollywood-Version des Krieges.
Das Massaker in My Lai zeigte, dass wir Kriege keineswegs anders führen als die „Japsen“ oder die „Sauerkrautfresser“. Niemand führt saubere Kriege.
Sie sind immer brutal und bringen Misshandlungen mit sich. Solche Dinge passieren in Kriegen. Zu glauben, dass es anders sein könnte, ist verrückt.
Deshalb sind wir in den USA immer naiv. Wir dachten, wir könnten es besser machen.
An Guantanamo, Irak und Afghanistan ist so fatal, dass, so schlimm wir es finden mögen, noch nicht mal die halbe Wahrheit ans Licht gekommen ist. Es ist viel schlimmer.

Sag bitte ein paar Worte zur Entscheidung von US-Verteidigungsminister Rumsfeld, ein besonderes Zugriffsprogramm zu entwerfen, mit dem US-Truppen vermeintliche Al-Qaida-Terroristen entführen oder töten sollen.

Diese Entscheidung wurde früh gefällt, aber das Programm wird noch entwickelt. Es bedeutet, jemandes Namen herauszufinden, ihn ohne gesetzliche Grundlage gefangen zu nehmen, ihn irgendwohin zu bringen, wo die Sonne nicht scheint und ihn zusammenzuschlagen. Wenn der Betreffende dabei stirbt, wenn kümmert’s?
In Argentinien und Brasilien nannte man das zur Zeit der Diktaturen „verschwinden lassen“. Darüber hat es einen großen Aufschrei gegeben. Über Abu Ghraib hat es noch keine ernsthafte Untersuchung gegeben.

Dein Buch „Die Befehlskette“ zeigt genau, wie eine kleine Gruppe Neokonservativer um Paul Wolfowitz, Präsident der Weltbank und früherer stellvertretender US-Verteidigungsminister, und Richard Perle, bis letztes Jahr führender Mitarbeiter des Ministeriums, unter Präsident Bush wichtige Positionen eingenommen haben. Ihr Ziel war es, die Menschen davon zu überzeugen, dass die USA in den Irak einmarschieren müssen. Wie konnten sie das erreichen?

Die Demokratie muss um einiges zerbrechlicher sein, als wir normalerweise denken. Eine kleine Gruppe, eine Sekte, kann ohne weiteres Kontrolle über die USA gewinnen. Das Parlament, die Presse, das Militär haben sich alle als sehr schwach erwiesen.
Der ganze bürokratische Apparat, in dem viele Angestellte Bush ablehnen, ist schrecklich schwach gewesen. Es ist erschreckend und es zeigt, dass die Demokratie, in der wir leben, lange nicht so mächtig und stark ist, wie wir denken.
Ich glaube, der US-Krieg im Irak ist die bedeutendste Angelegenheit seit dem Zweiten Weltkrieg. Bushs Beschluss, diesen Krieg vom Zaun zu brechen, war mit Sicherheit die schlechteste Entscheidung, die ein Präsident je gefällt hat. Ihre Folgen sind noch längst nicht abzusehen.

In jedem Krieg gibt es einen entscheidenden Moment, in dem sich herausstellt, ob er noch zu gewinnen ist oder nicht. Glaubst du, wir haben diesen Punkt schon erreicht?

Ich glaube, dieser Krieg war nie zu gewinnen. Was heißt auch „gewinnen“? Seit die US-Armee letztes Jahr Falludscha bombardiert hat, wissen viele Iraker, dass es keinen Frieden geben wird. Was können die USA tun, außer den irakischen Geheimdienst wieder aufzubauen?

Welche Strategie hat die USA im Irak in so eine aussichtslose Lage gebracht?

Alle Informationen lagen auf dem Tisch. Heute reden alle über General Shinseki, der vor der Invasion betonte, man brauche mehrere 100.000 Soldaten. Wolfowitz hat ihm damals sofort widersprochen und ihn versetzen lassen.
Die Neokonservativen glaubten, wir würden einmarschieren und sofort würde die Demokratie aufblühen. Diktator Hussein würde fliehen, und der Iran, Syrien und der Libanon würden fallen. Schon hätten wir einen „Neuen Nahen Osten“. Diesen ganzen Unsinn haben sie geglaubt.
Wer in den Wochen nach dem 11. September zustimmte, dass der internationale Terrorismus nur gestoppt würde, wenn wir Bagdad einnähmen, wurde sofort befördert.
Wenn man aber dachte, ein solcher Feldzug sei der blödeste und hirnrissigste Plan der Welt, wurde man als Verräter behandelt. Diese Leute wurden isoliert.
So haben sie das geschafft. Sie waren rücksichtslos und entschlossen. Entweder schloss man sich ihrem Team an, oder man war draußen.


Dies ist die gekürzte Fassung eines Interviews der britischen Zeitung Socialist Worker. Übersetzt von David Meier

Linksruck Nr. 201, 1. Januar 1970





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