Fateless:

Ein Kind im KZ

Die Verfilmung der Erinnerungen von Nobelpreisträger Imre Kertész will den Holocaust aus Sicht eines Kindes zeigen und scheitert.

Gyurgy erkennt sich nach der Zeit im Arbeitslager kaum wieder

„Alle fragen mich immer nur nach den Übeln, den ‚Greueln‘: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen.“

So lässt Imre Kertész in seinem autobiografischen „Roman eines Schicksallosen“ die Hauptfigur über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern in Auschwitz und Buchenwald erzählen. „Fateless“ ist die Verfilmung des Buches.

Darin erlebt der 14-jährige Jude György in Budapest die Unterdrückung der Juden durch die Nazis, wie beispielsweise der Zwang, einen gelben Stern zu tragen. Doch aus Ungarn wurden im Frühjahr 1944 noch keine Juden in Vernichtungslager gebracht.

Nun aber wird Györgys Vater zum Arbeitsdienst gezwungen und muss die Familie verlassen. Wenig später gerät der Junge auf dem Weg zur Arbeit in eine Passkontrolle und wird mit anderen Juden nach Auschwitz deportiert.

Dort kann er sich in den Arbeitsdienst retten, indem er sich als 16-jähriger ausgibt. György kommt nach Buchenwald und erlebt dort die Schrecken und Qualen des KZs. Er lernt die Solidarität anderer Gefangener kennen, die ihn in seinem Überlebenskampf unterstützen, bekommt aber auch die zunehmende Brutalität der Häftlinge zu spüren.

Nachdem er schwer erkrankt, kommt György ins Lazarett wo er bis zur Befreiung überlebt. Ein US-Offizier bietet dem Jungen an, in die USA zu kommen. Doch György kehrt nach Budapest zurück, wo er erfährt, dass seine Familie fast vollständig ermordet wurde.

Der Film hält sich eng an den Roman und übernimmt anfangs auch die kindliche Sicht des Jungen. Doch ab der Ankunft in Auschwitz verliert Regisseur Lajos Koltai (Kameramann bei „Mephisto“) diesen naiven Blickwinkel immer mehr und beschränkt sich auf die bekannten düsteren und grauen Bilder.

So bleibt „Fateless“ bei der gewöhnlichen Sicht von außen, ohne dem Zuschauer die Gedanken des Jungen zu vermitteln. Stattdessen erlebt man hauptsächlich die äußere Veränderung Györgys vom normalen Jungen zum KZ-Gefangenen in Häftlingskleidung mit geschorenen Haaren.

Eine weitere Schwäche ist, dass die zentralen Wendepunkte, an denen sich Györgys Schicksal entscheidet, nur gestreift werden. Was wäre geschehen, wenn er damals zur Arbeit nicht den Bus, sondern die Bahn genommen hätte? Hätte der Junge auch überlebt, wenn ihn der SS-Mann an der Rampe nicht nach rechts geschickt hätte?

Die verschiedenen Möglichkeiten werden angedeutet aber nicht aufgelöst. Dadurch werden mehrere Figuren nur oberflächlich geschildert.

Je mehr „Fateless“ die jugendliche Sichtweise seiner Hauptfigur verlässt, desto weniger erfüllt der Film seinen Anspruch, einen anderen Blick auf das Grauen des Holocaust zu werfen. Dieses wurde jedoch beispielsweise in „Schindlers Liste“ schon wesentlich eindrucksvoller verfilmt.


von Reuven Neumann




Linksruck Nr. 201, 1. Januar 1970





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