Pariser Kommune:

Liberté, toujours!

Mit der Pariser Kommune haben einfache Arbeiter zum ersten Mal gezeigt, dass sie eine freie, demokratische Gesellschaft nach ihren Bedürfnissen aufbauen können.

„Das Paris der Arbeiter wird ewig gefeiert werden als ruhmvoller Vorbote einer neuen Gesellschaft“, schrieb Karl Marx

Seit Jahren blickt die internationale antikapitalistische Bewegung auf die französische Arbeiterbewegung. Im Winter 1995 brachten zwei Millionen französische Arbeiter gemeinsam mit Studenten, „illegalen“ Einwanderern und anderen mit Massenstreiks ganz Frankreich zum Stillstand und zwangen die konservative Regierung zum Rücktritt.

2005 verteidigten französische Gewerkschaften die 35-Stunden-Woche und stellten die größte Delegation beim internationalen Aktionstag gegen Sozialabbau, Rassismus und Krieg am 19. März in Brüssel. Zuletzt haben die französischen Arbeiter die EU-Verfassung abgelehnt, nachdem sie den Text seit Monaten in den Gemeindesälen, in den Betrieben, Bars und Cafes diskutiert hatten.

Französische Arbeiter lieferten schon im 19. Jahrhundert eine Inspiration für Unterdrückte und Ausgebeutete, Revolutionäre und Antikapitalisten weltweit. Mit der Pariser Kommune errichteten sie die erste Arbeiterdemokratie der Welt, aus der auch Karl Marx wichtige Lehren zog.

Sie entstand aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, den Kaiser Napoleon III, ein Neffe Napoleons, im Glauben an einen schnellen Sieg im Juli 1870 angezettelt hatte. Im September wurde Napoleon gefangen genommen, die siegreichen deutschen Armeen belagerten Paris und riesige Massenversammlungen in Paris zwangen das Kaiserreich abzudanken.

Das Pariser Bürgertum setzte eine neue Regierung ein, die sich aber auf den alten bonapartistischen Staatsapparat stützte, nur den Reichen und Unternehmern diente und in die eigenen Taschen wirtschaftete.

Die Arbeiter wollten sich durch die Belagerung nicht aushungern lassen und strömten in Massen in die rasch anwachsende, bewaffnete Pariser Nationalgarde. Sie trafen sich in revolutionären Arbeitervereinen. Sie sammelten Geld für Kanonen und Munition und verlangten, die deutschen Truppen selbst zu vertreiben und so die Versorgungsnotlage zu beenden.

Doch während Arbeiter hungerten und jede Woche fast 1000 Menschen an Lungenentzündung starben, weil Brennholz so teuer wie Gold geworden war, weigerte sich Regierungschef Thiers, die Nationalgarde einzusetzen.

Er fürchtete, die Arbeiter würden die Waffen gegen die Regierung richten. General Ducrot, ein führender General, erinnerte sich: „Praktisch drehte sich die ganze Verteidigung nur noch um eine einzige Sache: Angst vor einer Rebellion.“

Zu Recht. In allen Stadtvierteln hatten sich Widerstandskomitees gegründet, die politische Aktionen vorbereiteten. Überall klebten rote Plakate, die zum Sturz der Regierung aufriefen, weil sie auf Kosten der Arbeiter mit Bismarck die Bedingungen einer Kapitulation aushandelte.

Thiers kam den Arbeitern zuvor und kapitulierte am 28. Januar 1871 vor der deutschen Armee. Die reichen Geschäftsleute verzogen sich zu Zehntausenden aufs Land. Die regulären Truppen legten die Waffen nieder und verließen zusammen mit Thiers und seinen Ministern die Stadt.

Zurück blieben die Arbeiter und Armen, von denen inzwischen 350.000 in der Nationalgarde waren. Sie gaben sich jetzt eine neue demokratische Struktur, wählten Soldatenräte, die wiederum ein Zentralkomitee wählten und einen Einmarsch der Preußen nach Paris verhinderten.

Die Regierung aber gab nicht so schnell auf. Um die alte Ordnung wieder herzustellen, befahl Thiers reguläre Truppen in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am 18. März nach Paris. Sie sollten die revolutionäre Nationalgarde im Schlaf überwältigen.

Doch Pariser Arbeiterfrauen bemerkten den Putschversuch und schlugen Alarm. Sie keilten die Soldaten am Montmartre ein und blieben, bis die Nationalgarde eintraf.

Ein General schrieb: „Unser größter Fehler war, dass wir den Frauen und Kindern erlaubten, sich der Truppe zu nähern. Sie mischten sich unter die Soldaten und verlangten: ‚Schießt nicht auf das Volk.’ Die Soldaten hatten nicht die Kraft, sich ihrer Bitte zu widersetzen.“ Die meisten Soldaten verbrüderten sich mit der Pariser Bevölkerung und der Nationalgarde.

Thiers floh nach Versailles, und das Zentralkomitee der Nationalgarde erklärte: „Das Pariser Proletariat hat verstanden, dass es die öffentlichen Angelegenheiten in die Hand nehmen muss.“ Das Zentralkomitee rief die Kommune aus und die Menschen zu den Wahlen.

Die Kommune unterschied sich grundlegend von jeder parlamentarischen Demokratie. Viele Abgeordnete waren selbst Arbeiter. Andere waren der Bevölkerung aus dem Widerstand gegen das Kaiserreich und die Regierung Thiers bekannte Journalisten und Intellektuelle. Alle wurden mit dem Durchschnittslohn einfacher Facharbeiter bezahlt.

Die Abgeordneten der Kommune hatten die Macht, Gesetze zu erlassen. Doch sie wurden nicht wie heute nur alle vier Jahre gewählt. Sie waren unmittelbar ihren Wählern verantwortlich und jederzeit absetzbar.

Die Kommune übernahm den alten Staatsapparat nicht, sondern entwaffnete und entließ die alten Militärs, Polizei-, Gerichts- und sonstigen Beamten von Paris. Da die Bevölkerung selbst bewaffnet war, brauchte sie keine Armee oder Polizei. Die Beamten der Kommune wurden gewählt, sie waren rechenschaftspflichtig und konnten jederzeit abgesetzt werden.

Die Kommune veränderte das Leben und die Atmosphäre in der Stadt. „Niemals zuvor hatte Paris eine so vollkommene Ruhe genossen. Es gab keine Gendarmen, keine Richter und keine einzige Straftat! Alle achteten selbst auf ihre und die Sicherheit der anderen“, schrieb Arthur Arnould, ein Mitglied der Kommune.

Innerhalb kürzester Zeit organisierten die Arbeiter das Leben in Paris neu. Schon nach 48 Stunden wurde die Post wieder ausgetragen und die Telegrafen funktionierten wieder – nur, dass die Arbeiter jetzt doppelt so viel verdienten.

Bildung, bislang einer reichen Minderheit vorbehalten, war jetzt für alle frei zugänglich. Jeder erhielt gratis Bücher, Papier und Lehrmittel.

Der Journalist Jules Vallès schrieb: „Das ist die Revolution! Der Augenblick, erhofft seit der ersten Ohrfeige in der Schule, seit dem ersten Tag ohne Essen, seit der ersten Nacht obdachlos auf der Straße. Das ist die Rache für Armut und Unterdrückung.“

Arbeiter verbrannten die Guillotine und rissen nationale Statuen nieder. Als Zeichen ihres Internationalismus wählten die Nationalgardisten zwei Polen an ihre Spitze, und der Deutsche Leo Frankel wurde Arbeitsminister.

Er war selbst Arbeiter und Mitglied der Ersten Kommunistischen Internationale. Sein Ministerium schaffte die Nachtarbeit für Bäcker ab und führte das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung ein.

Zum ersten Mal sicherten Tarifverträge die Löhne der Arbeiter vor konjunkturellen Schwankungen. Frankel ermutigte Gewerkschaften und Betriebsräte, von ihren Besitzern verlassene Betriebe wieder zu öffnen und sie genossenschaftlich selbst zu leiten.

Marx und Engels, die Führer der Internationale warnten, dass der alte Staat, die Chefs der Banken und Unternehmen eine Arbeiterdemokratie in Paris, dem wirtschaftlichen und politischen Herzen Frankreichs, nicht kampflos hinnehmen würden.

Die Kommune werde den alten Staatsapparat zerschlagen müssen, indem sie Thiers die Gefolgschaft seiner Armee abspenstig mache und die Soldaten für die Sache der Arbeiter gewinne.

Die erste Chance dazu hatte die Kommune in ihren ersten Tagen ausgeschlagen, indem sie den sich zurück ziehenden Truppen nicht nach Versailles folgte, um sie für die Revolution zu gewinnen. Unter den Soldaten wären viele leicht zu überzeugen gewesen, wie der Historiker Haffner bestätigt.

Die Internationale drängte nun verzweifelt, die Kommune müsse die zwei Milliarden Goldfrancs der Kapitalisten in den Safes der Bank von Frankreich beschlagnahmen.

Damit hätte sie die armen Bauern auf dem Land und die Arbeiter in den Provinzstädten versorgen, für ihre Ziele gewinnen und Thiers daran hindern können, sie mit erfundenen Schauermärchen gegen die Kommune aufzuhetzen und für die Armee zu rekrutieren.

Doch die meisten Führer der Kommune meinten, wenn sie darauf verzichteten, die Reichen und Unternehmer zu enteignen, würde Thiers das Paris der Arbeiter in Ruhe arbeiten lassen und schließlich als eigenständige Stadt anerkennen. Die Kommune erbat selbst in der größten Not nur bescheidene Kredite von der Bank.

Nach 64 Tagen rückte die Armee nach Paris ein und ertränkte die Begeisterung der Arbeiter und Armen in ihrem eigenen Blut. Die Führer der Kommune mussten ihre Blauäugigkeit mit dem Leben bezahlen und Tausende mit ihnen. Doch die Erfolge der Kommune sind weiterhin Inspiration für die antikapitalistische Bewegung und die Linke weltweit.


von Irmgard Wurdack (E-Mail)




Linksruck Nr. 201, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de