Alle Macht den Räten

Soziale und demokratische Reformen wurden uns nicht von oben geschenkt. Tausende Namenlose haben in der Revolution 1918 dafür gekämpft – gegen den Willen der SPD-Führung.

Am 9. November 1918 übernehmen Arbeiter und Soldaten in ganz Deutschland die Macht. Sie stürzen die Monarchie und beenden den 1. Weltkrieg
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SPD-Chef Müntefering distanzierte sich von Karl Marx, als er kürzlich dessen Geburtshaus besichtigte. Er fühle sich eher Friedrich Ebert verbunden, dem ersten sozialdemokratischen Regierungschef der Weimarer Republik in den 1920er Jahren. Marxisten seien romantische Träumer und Sozialdemokraten die einzigen ernsthaften Kämpfer für den Sozialstaat:„Die einen haben an ein Paradies auf Erden geglaubt, die anderen das Recht auf eine Kaffeepause erstritten“, sagte Müntefering.

Müntefering unterschlägt dabei, dass die Verbesserungen, die unter SPD-Regierungen erreicht wurden, immer nur deshalb gegen die Unternehmerverbände durchgesetzt werden konnten, weil in den Betrieben Druck gemacht wurde. In der betrieblichen Organisation des Widerstandes waren durch die Jahrzehnte hindurch immer Linke und Gewerkschafter von zentraler Bedeutung, die sich anders als die SPD bedingungslos für die Interessen der Arbeiter einsetzten und die vermeintlichen Sachzwänge des Kapitalismus in Frage stellten. Immer wieder sind es Revolutionäre gewesen, die die besten Reformen durchgesetzt haben, während die SPD erklärte, Verbesserungen für die Arbeiter seien wirtschaftlich und politisch nicht tragbar. So war es auch in der Weimarer Republik.

In Eberts Regierungszeit wurden die Unternehmerverbände zu den bis dahin nachhaltigsten Sozialreformen gezwungen: Sie akzeptierten die Regelung der Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge, und stimmten der Bildung von Betriebsräten ebenso zu wie einer Arbeitszeitverkürzung auf acht Stunden pro Tag bei vollem Lohnausgleich.

Diese „Kaffeepausen“ trotzte aber nicht die SPD-Fraktion den Bossen und dem Kaiserreich durch ihre brave Parlamentsarbeit ab. Den entscheidenden Druck schafften die tausenden Arbeiter und Soldaten, die im November 1918 ihre Waffen gegen die Mächtigen wendeten, mit Massendemonstrationen und Generalstreiks den Krieg beendeten und den Kaiser stürzten. In Deutschland bahnte sich eine sozialistische Revolution an.

Der Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, Reichert, begründete die Nachgiebigkeit seiner Verbandsfreunde so: „Es kam darauf an, das Unternehmertum vor der drohenden Sozialisierung und der nahen Revolution zu retten.“

Ein Augenzeuge schrieb über Berlin: „Auf dem Fahrdamm wallen ununterbrochen endlose Demonstrationszüge von Soldaten und Arbeitern. Die Arbeiter, in der Mehrzahl ältere mit ernsten bärtigen Gesichtern, haben den gewerkschaftlichen Korpsgeist. Sie marschieren pflichtbewusst in Reih’ und Glied, und manche haben ein Gewehr...Die daneben schreitenden Ordner, mit dem Gewehr am Schulterriemen, zeichnen sich durch rote Armbinden aus. Mitten in der Masse werden große rote Fahnen getragen.“

Den Bossen und Generälen in Deutschland graute vor dem neuen kollektiven Selbstbewusstsein der Arbeiter. Sie hatten Angst vor einer sozialistischen Revolution wie in Russland im Oktober 1917. Dort hatten sich Arbeiter, Bauern und Soldaten in demokratisch gewählten Räten organisiert und den Zaren gestürzt. Sie hatten die Industriellen und Großgrundbesitzer enteignet. Von den Räten demokratisch gewählte und von ihren Wählern jederzeit absetzbare Delegierte stellten dort 1918 die Regierung.

Die neue Arbeiterregierung hatte den alten, keiner demokratischen Kontrolle unterstehenden staatlichen Unterdrückungsapparat aus Armee, Polizei, Justiz und Verwaltung aufgelöst und die Berufsbeamten, Generäle, Polizei- und Gerichtspräsidenten entlassen. Die unter dem Zaren ausgebeutete und unterdrückte Mehrheit organisierte nach ihren Bedürfnissen das gesamte öffentliche Leben selbst. Sie legte Produktionsziele fest, und gewählte Milizen verteidigten ihre Macht gegen die gewaltsamen Versuche der alten herrschenden Klasse, die Macht zurückzuerobern.

Auch Deutschland war im November 1918 eine Räterepublik. In hunderten Betrieben und Kasernen überall im Land organisierten die Arbeiter und Soldaten sich während der Revolution in Räten.

In Köln sorgte ein Arbeiter- und Soldatenrat für Sicherheit, Gesundheits-, Ernährungs- und Wohnungswesen. Er überwachte auch die Demobilisierung der Armee und leitete die Gerichte und die Reichsbank.

Die Bewegung genoss die Unterstützung so vieler Menschen, dass sie sich nicht zerschlagen ließ. Die Truppen, die die Generäle im November 1918 nach Berlin schickten, solidarisierten sich mit den streikenden und demonstrierenden Massen.

Die Industriellen und Militärs hofften, die radikalisierten Arbeiter durch „Kaffeepausen“ besänftigen zu können. Sie stimmten der Gründung einer Republik mit allgemeinen und gleichen Wahlen zu, um so weiter gehenden Forderungen der Arbeiter zuvorzukommen.

Scheidemann (SPD) rief unter dem Druck der demonstrierenden Massen am 9. November 1918 vom Reichstag die Republik aus. Bis dahin hatte er für kleine Reformen innerhalb der Monarchie argumentiert. Ein riesiger Menschenzug mit einem Meer roter Fahnen forderte von der SPD-Fraktion: „Nieder mit dem Kaiser, nieder mit dem Krieg!“ und „Hoch die Republik!“

Er konnte nicht verhindern, dass auch der Revolutionär Karl Liebknecht vom Berliner Schloss aus zu den Menschen sprach und eine andere politische Ordnung forderte: „Wer von euch die freie sozialistische Republik Deutschland und die Weltrevolution will, erhebe seine Hand zum Schwure.“ Tausende erhoben ihre Hände.

Während die Massen Berlin übernahmen, trafen sich die alten Machthaber des Kaiserreiches mit den Führern der SPD und übertrugen Ebert das Amt des Ministerpräsidenten. Der nahm dankend an und versprach ihnen seine Treue: „Ich hasse die Revolution.“

Die SPD sprach sich weiterhin für den „Sozialismus“ aus. Doch wollte sie nicht mehr wie Karl Liebknecht, dass die Arbeiter selbst aktiv werden und sich aus Unterdrückung und Lohnabhängigkeit befreien.

Ebert fürchtete jede unkontrollierte Selbstaktivität der Arbeiter, die sich gegen die Macht des bürgerlichen Staates wandten. Als einzige politische Aktivität gestand er ihnen zu, alle paar Jahre auf dem Stimmzettel ihr Kreuz bei der SPD zu machen, damit diese im Parlament verhandeln könne.

Er sorgte dafür, dass die SPD-Fraktion im Reichstag 1914 der Beteiligung des deutschen Reiches am Ersten Weltkrieg zustimmte, um den deutschen Kapitalismus gegen seine Konkurrenten zu verteidigen. Hunderttausende Arbeiter wurden auf den Schlachtfeldern den Kanonen verfüttert.

Als immer mehr Menschen gegen den Krieg rebellierten und sich auch ein Teil der SPD gegen den Krieg stellte, ließ Ebert die Genossen 1917 aus der SPD ausschließen.

Während der Revolution organisierten sich die Abtrünnigen zusammen mit Revolutionären in der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei). Sie versuchten, die Mehrheit der Arbeiter in einer Partei zusammenzubringen, die den Sturz von Kaiserreich und Kapitalismus erkämpfen und für eine Gesellschaft eintreten sollte, in der politische und wirtschaftliche Entscheidungen demokratisch und im Interesse der Mehrheit getroffen würden.

Doch die meisten Arbeiter und Soldaten hatten keinerlei politisch Erfahrung und wurden in der Revolution zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv. Sie richteten sich nach den Männern der „offiziellen Opposition“, die bereits unter der alten Gesellschaftsordnung bekannt geworden waren. SPD-Funktionäre und SPD-nahe Gewerkschaftsführer waren den meisten bekannter als Revolutionäre von der USPD. Die SPD war seit dem 19. Jahrhundert die größte und am besten organisierte Arbeiterpartei der Welt.

Viele ungeduldige junge Arbeiter rechneten den Kollegen verzweifelt die früheren Untaten der SPD vor und warnten, dass die alte herrschende Klasse mit Eberts Hilfe das Vertrauen der Arbeiter missbrauchen würde, um die Revolution zu zerschlagen.

Die SPD begann daraufhin eine Kampagne gegen die Revolutionäre und warf ihnen vor, die Einheit der Arbeiter spalten. Die Ebert-Regierung entwaffnete die Arbeiter- und Soldatenräte und gab der kaiserlichen Offizierskaste das Kommando über die Truppen zurück. Der rechte Sozialdemokrat Noske organisierte gemeinsam mit den Generälen die so genannten Freikorps, die tausende revolutionäre Arbeiter ermordeten. 1919 erschossen sie in Berlin auch die Revolutionäre Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Noske rechtfertigte sich: „Einer muss der Bluthund sein.“

Noske war als Reichswehrminister ein enger Mitarbeiter von Ebert, den Müntefering heute so bewundert.


von Irmgard Wurdack (E-Mail)




Linksruck Nr. 202, 1. Januar 1970





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