Großbritannien: 300.000 gegen G8

Die mächtigsten Regierungen behaupten, beim G8-Gipfel den Armen zu helfen. In Wirklichkeit sind sie schuld am Elend der Dritten Welt.

Auf Schildern und Transparenten fordern Demonstranten von den G8, dass sie den Dritte-Welt-Ländern die Schulden
erlassen. Viele von ihnen glauben, dass es im Kapitalismus keine Gerechtigkeit geben kann

„Ich bin hierher gekommen, weil ich denke, dass wir den Widerstand globalisieren müssen“, erzählt Carlo. Er ist aus Venedig nach Edinburgh gekommen, um gegen den G8-Gipfel der acht mächtigsten Regierungen zu protestieren. „Krieg und Armut sind Teil desselben Systems“, meint er. „Wir müssen beides bekämpfen, aber wir müssen vor allem das System ändern.“

300.000 Demonstranten drängen sich auf der fünf Kilometer langen Strecke. Als die Ersten wieder am Ausgangspunkt ankommen, warten tausende noch darauf, loszulaufen. Schüler, Gewerkschafter, Angestellte, Rentner und Studierende aus aller Welt protestieren hier gegen die Armut in der Dritten Welt und für einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder.

„Wir sind hier, um den Kindern der Welt eine Stimme zu geben, die keine Schulbildung bekommen“, erklären die Schüler Matthew, Priya und Alfie. „Meine Kinder haben mich gefragt, warum die Kinder in Afrika hungern müssen“, erzählt Renee, die eine Delegation ihrer Gewerkschaft mitgebracht hat. „Ich habe sie heute mitgebracht, um ihnen zu zeigen, dass sie etwas verändern können.“

Die Staatschefs der acht mächtigsten Länder treffen sich bei Edinburgh angeblich, um den Armen in der Dritten Welt Schulden zu erlassen. Doch die Demonstranten wissen, dass die erlassenen Schulden von der Entwicklungshilfe abgezogen werden. Dadurch bleiben die Länder genauso arm wie zuvor.

„Wir demonstrieren, um den Politikern klarzumachen, dass die Bevölkerung gegen sie ist“, meint die Schülerin Layla aus England. „Wir können erreichen, dass sie uns zuhören.
Dass sie sich hinter Sicherheitskräften verschanzen, zeigt, dass sie wissen, dass wir hier sind. Aber wir müssen sie zwingen zu handeln. Wenn wir aufhören, die Politiker unter Druck zu setzen, werden sie sich sicherer fühlen.“

Der nigerianische Student Ken aus London ist wütend auf die G8-Regierungen: „Ich hasse es, Unterdrückung zu sehen“, erklärt er.
„Heute versuchen wir, die G8 für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen. Ich habe in Nigeria gesehen, wie viel Einfluss multinationale Konzerne in armen Ländern haben.“

Die Politiker haben die Probleme in Afrika damit begründet, dass es dort zu wenig verantwortungsbewusste Regierungen gebe. „Diese Leute sollten nicht darüber reden dürfen, wie man verantwortungsbewusst regiert“, meint Ken. „Denn für sie ist nur eine Regierung verantwortungsbewusst, die die Menschen in Armut hält.“

Ken demonstriert nicht nur für den Erlass von Schulden, sondern für eine Welt, in der die Menschen nicht ausgebeutet werden. Er weiß, dass der Kapitalismus nicht nur Armut und Unterdrückung bringt, sondern auch Krieg.

„Die USA schicken jetzt Truppen vor die nigerianische Küste“, erzählt er: „Weil die US-Regierung denkt, dass sie vielleicht bald das nigerianische Öl braucht.“

Das Motto des Protests „Macht Armut zur Geschichte“ geht ihm nicht weit genug: „Es ist eine Sache, die Leute zum Zuhören zu bringen, aber etwas anderes, sie zum Handeln zu zwingen“, erklärt er.


von Sarah Nagel (E-Mail)




Linksruck Nr. 203, 1. Januar 1970





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