Selbst ist der Mensch

Kein Politiker und keine Partei wird uns eine gerechte Welt bringen. Wir können sie nur selber erkämpfen, meint Jan Maas.

Diese Spanierinnen griffen 1936 zu den Gewehren, um gegen den Putsch des faschistischen Generals Franco zu kämpfen. Drei Jahre später hatte er gewonnen, weil Stalinisten die von unten organisierten Truppen zwangen, ihre Waffen niederzulegen.
Hal Drapers - Die zwei Seelen des Sozialismus

Hunderte von Millionen Menschen auf der Welt hassen den Kapitalismus. In Deutschland lehnen drei von vier Menschen ab, dass Unternehmen Arbeitsplätze vernichten, um ihre Gewinne zu erhöhen. Die Vorstände kümmert das nicht.

Während des G8-Gipfels in Gleneagles zeigten Millionen auf den Live-8-Konzerten und der Demonstration in Edinburgh, dass sie die Ungerechtigkeiten des herrschenden Systems ablehnen und bereit sind, etwas dagegen zu tun.

Trotzdem beherrscht der Kapitalismus die Welt. Ein Grund dafür ist, dass viele seiner Gegner keine bessere Alternative kennen. Da die Diktatoren des Ostblocks ihre Unterdrückungsapparate 70 Jahre lang als sozialistisch verkauft haben, befürchten die Menschen, dass jede Alternative zum Kapitalismus noch schlimmer ist.

Andererseits denken viele, dass der Sozialismus „im Grunde eine gute Idee ist, die nur schlecht ausgeführt wurde“. Dem stimmen laut Statistischen Bundesamt 51 Prozent der Westdeutschen und 79 Prozent der Ostdeutschen zu.

Wegen der schlechten Ausführung der guten Idee in der DDR, in Kuba oder Nordkorea verbinden die Leute Sozialismus mit Armut, Unterdrückung und Rückständigkeit. Doch diese Diktaturen sind das Gegenteil davon, was sich Karl Marx unter Sozialismus vorstellte.

„Will man das Ziel des Klassenkampfs, wie es in Marx’ Schriften definiert wird, auf einen einzigen Begriff bringen, dann heißt er: Freiheit des Menschen“, schrieb der US-amerikanische Marxist Hal Draper in den 60er Jahren in seiner Broschüre „Die zwei Seelen des Sozialismus“.

Er verfasste sie zur Zeit der Studentenproteste, der Antikriegs- und der Schwarzenbewegung in den USA, als viele Menschen für den Sozialismus waren. Der Autor erklärt darin, warum die gute Idee so schlecht ausgeführt wurde.

Draper meint, dass die sozialistische Bewegung immer in zwei Flügel gespalten war, die den gleichen Begriff verwenden, aber völlig Gegensätzliches meinen: einerseits den „Sozialismus von oben“, andererseits den „Sozialismus von unten“.

Die Vertreter des Sozialismus von unten denken, „dass der Sozialismus nur durch die Selbstbefreiung der in Bewegung geratenen Massen verwirklicht werden kann, die die Freiheit mit eigenen Händen ergreifen, die sich ‚von unten’ in einen Kampf werfen, um die Kontrolle über ihr Schicksal zu übernehmen“.

Sozialismus von oben bedeutet, „dass der Sozialismus von einer herrschenden Elite, in welcher Weise auch immer, den dankbaren Massen hinabgereicht werden müsse, deren Kontrolle diese Elite nicht unterworfen ist“.

Seit Menschen unterdrückt werden, suchen sie meistens nach anderen Herrschern, die sie befreien, statt selbst für ihre Freiheit zu kämpfen. „Das Volk schaute auf den König, der die Ungerechtigkeiten der feudalen Herren wieder gutmachen sollte, oder auf Messiasse, welche die Tyrannei der Könige stürzen würden.“

Doch seit Jahrhunderten werden diese Hoffnungen enttäuscht, weil die Könige und Messiasse ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht die ihrer Anhänger. Herrscher, die den Sozialismus versprachen, unterdrückten die Menschen genauso wie ihre Vorgänger.

Den Ostblock nannten die Herrscher sozialistisch, weil die Fabriken, Büros und das Land dem Staat gehörten. „Aber wem gehört der Staat?“, fragt Draper.

„Sicherlich nicht der Masse der Arbeiter, die ausgebeutet, unfrei und allen Hebeln der gesellschaftlichen und politischen Kontrolle entfremdet sind.“ Im Ostblock herrschten Parteibürokraten und Funktionäre, denen Freiheit und Wohlstand der Menschen egal waren.

Auch die sozialdemokratischen Arbeiterparteien in Westeuropa, die diesen Stalinismus ablehnen, haben die Interessen ihrer Anhänger verraten. Sie behaupten, im Parlament Gesetze erlassen zu können, um die Macht der Konzerne einzuschränken und mehr Gerechtigkeit für die Menschen zu bringen.

Aber die sozialdemokratischen Regierungen beugen sich den Interessen der Konzerne und senken ihnen die Steuern, während sie den Entlassenen das Arbeitslosengeld kürzen oder die Mehrwertsteuer erhöhen.

Anders als Stalinisten und Sozialdemokraten glaubte Marx nie, Gerechtigkeit von oben bringen zu können. Er meinte, „die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiter selbst sein.“

Im Kampf gegen die Herrschenden würden die Arbeiter eigene demokratische Organe entwickeln und den Staat, die Regierung und das Parlament abschaffen müssen. Ihre eigenen Organe seien der Kern einer freien und gerechten Gesellschaft.

Die Selbstaktivität der Menschen als Voraussetzung für ihre Befreiung – diesen Weg lehnen sozialdemokratische und stalinistische Parteien gleichermaßen ab. Politische Bewegungen sehen sie höchstens als Werkzeuge und Druckmittel an, aber nicht als Ursprung einer neuen Gesellschaft. Daher meint Draper, dass der „Sozialismus von oben“ immer scheitert und sich gegen die Menschen wendet.

Da der Kapitalismus für Milliarden Menschen Armut, Krieg und Umweltzerstörung bedeutet, ist eine freie Gesellschaft nötiger denn je. Hal Draper lehnte mit seiner Analyse der „Zwei Seelen des Sozialismus“ die Diktaturen des Ostblocks ab und trat gleichzeitig für den Kampf um einen weltweiten Sozialismus von unten ein.


von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 204, 1. Januar 1970





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