Zum 20. Todestag von Heinrich Böll:

Für die Menschen

Heinrich Böll war einer der größten deutschen Schriftsteller und ein Kämpfer gegen Krieg und Terrorhysterie.

„Wir wollen uns nicht lähmen lassen!“ Mit diesen Worten schloss Heinrich Böll 1981 seine Rede auf der Demonstration in Bonn gegen die Stationierung von Atombomben in Westdeutschland vor 300.000 Menschen.

Böll sprach von „Waffenpesten“, und den Versuchen der Politiker, die Bevölkerung in die Teilnahmslosigkeit zu treiben. „Wir wollen uns nicht lähmen lassen“, war sein Aufruf zum Widerstand. Böll kämpfte mit seinen Büchern und seinem öffentlichen Auftreten für eine gerechtere Welt.

Er wurde 1917 in Köln geboren und verbrachte als Sohn eines Tischlers eine sorglose Jugend, bis seine Familie 1929 von der Weltwirtschaftskrise in die Armut gerissen wurde. Trotzdem konnte Böll das Gymnasium besuchen. Er schwänzte jedoch häufig den Unterricht. Später sagte Böll, die Straßen Kölns seien seine Schule gewesen.

Nach dem Abitur 1937 begann Böll eine Buchhändlerlehre, die er bald abbrach. Danach wollte Böll Germanistik studieren. Er wurde jedoch 1939 zur Wehrmacht einberufen und als Infanterist an die Front befohlen.

Diese Erfahrungen bestimmten Bölls politisches Denken. „Ich hasse den Krieg. Ich hasse die Hölle der Uniformen“, schrieb er an seine Familie. Später sagte er, dass er seine Gefangennahme durch die US-Armee im Frühjahr 1945 als Befreiung empfunden habe.

Im selben Jahr kehrte Böll nach Köln zurück. Doch seine Heimatstadt gab es nicht mehr: 72 Prozent der Gebäude waren zerstört. Böll, der 1942 Annemarie Cech geheiratet hatte, versuchte nun, Schriftsteller zu werden.

Seine ersten Texte behandelten die Folgen des Krieges. Böll schreibt über die seelischen Wunden, die der Krieg schlägt, und die Sehnsucht nach Frieden.

Sein Roman „Der Engel schwieg“ von 1948, der erst nach Bölls Tod veröffentlicht wurde, schildert die Verzweiflung eines Kriegsheimkehrers über die Trümmerlandschaften der Städte und die Armut der Menschen.

1951 wurde Böll von der „Gruppe 47“, eine Vereinigung von Schriftstellern, die nach der Nazi-Diktatur eine neue Literatur verbreiten wollte, ein Preis für die Erzählung „Die schwarzen Schafe“ verliehen. Von da an wurde Böll immer bekannter.

Seine Werke der 50er und 60er Jahre waren auch ein Kampf gegen die Regierung des CDU-Kanzlers Adenauer. Böll forderte, frühere Nazis aus Politik und Staat zu verbannen und verurteilte die Wiederaufrüstung Westdeutschlands. Sein bedeutendstes Werk aus jener Zeit ist der Roman „Billard um halb Zehn“ von 1959. Darin zeigt Böll eine reiche Architektenfamilie, die sich vom Kaiserreich bis zur Gegenwart immer mit den Herrschenden gut gestellt hat.

1971 schreibt er seinen bedeutendsten Roman „Gruppenbild mit Dame“, in dem die Hauptfigur den Hass ihrer Umwelt auf sich zieht, weil sie sich dem Profitdenken verweigert. Ein Jahr später bekommt Böll den Nobelpreis.

Doch gleichzeitig beginnen seine Gegner eine jahrelange Hetzkampagne gegen ihn. Anlass war ein Artikel, in dem Böll die Panikmache der Medien vor der Terrorgruppe RAF kritisierte und auf soziale Ungerechtigkeit hinwies, die möglicherweise zur „Kriegserklärung“ der RAF geführt hätte.

Rechte Politiker und Medien bezeichneten Böll daraufhin als „geistigen Urheber des Terrorismus“. Nachdem 1972 ein weibliches Mitglied der RAF aus dem Gefängnis floh, durchsuchten bewaffnete Polizisten Bölls Haus, weil sie angeblich vermuteten, er habe die Terroristin versteckt.

Der Schriftsteller schrieb daraufhin „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, eine Abrechnung mit der Hetze der Bild. In der Erzählung gerät eine junge Frau, die einen Bundeswehrdeserteur und angeblichen Terroristen versteckt, in die Schlagzeilen der Boulevardpresse. Die Zeitungen ziehen ihr Leben so lange in den Schmutz, bis Blum einen der verantwortlichen Journalisten tötet. Weil „Katharina Blum“ so erfolgreich war, druckte Bild einige Monate keine Bestsellerliste mehr.

Trotz seines Erfolgs litt Böll unter den Angriffen, die sich auch gegen seine Frau und seine Kinder richteten. Er wurde immer verbitterter über die Zustände in der Bundesrepublik, zudem quälten ihn schwere Krankheiten.

Dennoch bekämpfte Böll in Artikeln und Interviews weiter die Terrorhysterie und die Regierung, die mit Polizeigewalt gegen alle Linken vorging. Anfang der 80er Jahre war er in der Friedensbewegung aktiv, nahm an Demonstrationen und an der Blockade einer US-amerikanischen Militärbasis teil. Am 16. Juli 1985 starb Heinrich Böll an einer Gefäßerkrankung.

Böll forderte von Schriftstellern, auch in der Literatur ihre politische Meinung zu vertreten. Meist wählte er eine einfache, klare Sprache, um seine Inhalte so genau wie möglich zu vermitteln.

Seine Ansichten waren von seinem christlichen Glauben geprägt. Dieser bedeutete für Böll die Pflicht, sich gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit einzusetzen. Mitte der 70er Jahre traten Böll und seine Frau aus der katholischen Kirche aus, weil sie Verhütung verbietet.

Während Künstler wie Wolf Biermann heute behaupten, das Linksbündnis ähnele rechtsradikalen Parteien, ist Heinrich Böll immer für die Rechte der Menschen eingetreten. Auf die Frage, was sein Ideal einer Gesellschaft sei, antwortete Böll, er wolle die „die profit- und klassenlose“ Gesellschaft.


von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 204, 1. Januar 1970





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