"Allmählich wächst der Zorn!"

Tarifrunde bei der Deutschen Bahn AG:

Nach zehn Jahren Lohnverzicht reicht es den Bahnarbeitern. Die Gewerkschaften stehen vor dem ersten Arbeitskampf seit 1992.

Bahn-Bosse sanieren sich auf dem Rücken der Arbeiter

Seit dem Anfang der Privatisierung Anfang der 90er Jahre presst der Bahn-Vorstand immer mehr Geld aus den Arbeitern. Die Bahn-Bosse wollen einen Tarifvertrag, der drei Jahre gilt. Zuletzt boten sie als Lohnerhöhung einen Inflationsausgleich von 1,3 Prozent. Zurzeit hat ein Lokführer im Westen Deutschlands (verheiratet, 2 Kinder, Steuerklasse 4) inklusive Zulagen 1350 Euro netto im Monat im Osten sind es 1257. Kundenbetreuern im Nahverkehr bleiben 1214 Euro im Westen und 1137 im Osten. Die Bahnarbeiter haben seit 1994 Reallohnverluste eingesteckt. Die Bahn-Bosse haben seit 1994 über 150.000 Arbeitsplätze abgebaut. So haben sie die Produktivität um 180 Prozent gesteigert und die Personalkosten um 28 Prozent gesenkt. Die Folge des Stellenabbaus: Allein 2002 fielen 14 Millionen Überstunden an.
"Natürlich streike ich! Sollten die Verhandlungen jetzt kein Ergebnis bringen, kommt es zur Urabstimmung und dann wird der Streik richtig hart", meinte Lokführer Enrico Gerlach am 6. März.
"Unsere Forderungen sind doch nicht unverschämt: 3 Prozent mehr und zusätzlich 2 Prozent für die Kollegen im Osten. Wir nehmen den Kanzler beim Wort, dass die ostdeutschen Kollegen 2007 endlich mit uns gleichziehen."
Die Gewerkschaft der Lokführer hat die bisherigen Verhandlungen für gescheitert erklärt. Jetzt steht die Schlichtung an. Die zwei anderen Gewerkschaften Transnet und GDBA haben die Verhandlungen unterbrochen. Sie wollen sich beraten das Angebot der Bosse sei "völlig unzureichend". Zum Neubeginn der Gespräche am 14. März wollen sie 30.000 Mitglieder zum Protest nach Berlin bringen.
Am 6. März vor der Konzernzentrale der Bahn AG in Berlin war die Wut über die Bahn groß. "Wie wollen fünf Prozent!" riefen die Demonstranten vor dem gläsernen Hochhaus. Knapp 100 Bahnarbeiter begleiteten die Verhandlungsführer der Gewerkschaften, um ihre Forderungen zu unterstreichen.
Am Morgen hatten Warnstreiks den Bahnverkehr lahm gelegt. Lokführer Nils Borngräber: "Ich streike, weil ich endlich meiner Leistung entsprechend bezahlt werden möchte. Schließlich habe ich Schichtdienst, muss nachts und am Wochenende fahren. Mit meinen drei kleinen Kindern könnte ich ein bisschen mehr Geld dringend gebrauchen!" Sein Kollege Andreas Elandt: "Allmählich wächst der Zorn!"
Neben Lohnerhöhung und Angleichung fordern Transnet und die GDBA, dass die Vergütungen und Zulagen der Auszubildenden an die Arbeitslöhne angeglichen werden. Die Laufzeit soll 12 Monate betragen.
Die Bosse versuchen, die Anwesenheit von drei Gewerkschaften in den Verhandlungen zu nutzen, um sie gegeneinander auszuspielen und in der Öffentlichkeit als Blockierer hinzustellen. "Wir haben kein Problem mit anderen Gewerkschaften, wir haben ein Problem mit dem Bahnvorstand" sagte darauf Alex Kirchner von Transnet in Berlin.
Aber die Bahner sind nicht nur auf ihre Bosse sauer. Auch von Schröder erwarten sie mehr. Die Regierung investiert jedes Jahr 9 Milliarden Euro weniger in die Bahn als die Bahn-Reform von 1994 vorgesehen hatte.
Dass Schröder sich gegen den Krieg im Irak ausgesprochen hat, fanden die Bahner gut. Ihre Gewerkschaft rief gemeinsam mit anderen zur Demonstration am 15. Februar in Berlin auf.

von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 149, 1. Januar 1970





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