„Da ist was in Bewegung gekommen“

Ein neuer Dokumentarfilm erzählt von den Montagsdemos vor einem Jahr als Geschichte der vorgezogenen Bundestagswahl. Jan Maas sprach mit dem Regisseur Martin Keßler.

Film: Neue Wut
Der Film läuft in einigen Kinos, weitere Vorstellungen werden von politischen Gruppen organisiert. Die Termine stehen auf der Internetseite www.neuewut.de. Dort kann man den Film auch bestellen oder Regisseur und Darsteller zu Vorführungen einladen.
Zur Person: Martin Keßler
Der Filmemacher Martin Keßler (51) studierte Geschichte, Germanistik, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften in Marburg und Berlin. Seit 2001 unterrichtet Martin Keßler als Lehrbeauftragter an der Phillips-Universität Marburg.
Schwerpunkte seiner Arbeit als Filmemacher und freier Fernsehjournalist seit Mitte der 80er Jahre sind Berichte, Reportagen und Dokumentationen zu Sozial- und Wirtschaftsthemen, unter anderem für ARD, ARTE, ZDF, WDR, HR.

Dein Film „Neue Wut“ über die Montagsdemos gegen Hartz IV und ihre Folgen wurde bei der Uraufführung auf dem Sozialforum in Erfurt sehr gefeiert. Wie ist er seitdem angekommen?

Bis auf eine Filmbesprechung im Fernsehen habe ich nur positive Reaktionen gehabt. Wir haben sehr viel Presse bekommen, was mich ein bisschen überrascht hat. Der Film kam sogar ins heute-journal des ZDF. Das zeigt, dass der Film einen Nerv getroffen hat und zum richtigen Zeitpunkt gekommen ist.

Wie haben die Zuschauer reagiert?

Die offizielle Premiere Ende Juli in Frankfurt am Main mit fast 600 Leuten war ausverkauft. Viele haben gesagt: „Wir haben gar nicht mitgekriegt, wie groß diese Proteste waren.“
In Erfurt haben vor allem Aktivisten den Film gesehen, in Frankfurt vor allem Leute, die mit der Bewegung nichts zu tun hatten. Viele meinten: „Der Film hat uns zum Nachdenken angeregt.“
Das freut mich, weil ich den Film nicht für eine bestimmte Szene gemacht habe, sondern für ein breites Publikum.

Der Film zeigt viele Szenen von Montagsdemos und Aktionskonferenzen. Wie hast du es geschafft, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?

Ich mache seit Jahren Filme über solche Themen. Ich habe zum Beispiel vor vier Jahren einen Film namens „David gegen Goliath“ gedreht. Anhand von vier Figuren beschreibt er, wie globalisierungskritische Bewegungen entstehen und wie sie international vernetzt sind.
Gleichzeitig beschäftige ich mich seit Jahren mit sozialen Entwicklungen in Deutschland. Ich habe im Herbst 2003 angefangen, über den Ausverkauf von öffentlichem Eigentum zu recherchieren. In Frankfurt wollte man zum Beispiel die U-Bahn an einen US-Investor verleasen, im Ruhrgebiet die Kanalnetze.
Da habe ich gemerkt, dass das Widerstand in der Bevölkerung hervorruft. Und nachdem im November 2003 eine große Demonstration gegen die Agenda 2010 in Berlin war mit 100.000 Leuten, war ich an dem Thema dran. Zwei Wochen später gab es Proteste gegen den SPD-Bundesparteitag in Bochum. Wir haben auch die Gewerkschaftsproteste im April 2004 gedreht, in Berlin, Stuttgart und Köln.
Das alles hatten wir in einer Zweieinhalb-Stunden-Fassung des Films mit Rückblenden dargestellt. Wir haben uns dann entschieden, wenn der Film jetzt herauskommt, ist eine Chronologie besser: als Vorgeschichte der vorgezogenen Bundestagswahl.

Der Film begleitet sehr unterschiedliche Menschen: Manche sind von Hartz IV betroffen, andere organisieren Proteste dagegen, Wirtschaftsminister Clement setzt das Gesetz durch. Wie hast du die Figuren kennen gelernt und ausgewählt?

Barbara Willmann, eine der Hauptfiguren, habe ich zum Beispiel in Frankfurt getroffen, auf einer Protestdemonstration im Herbst 2003 gegen das Sparprogramm der hessischen Landesregierung, die das zynischerweise „Aktion Sichere Zukunft“ genannt hat.
Davon waren viele soziale Initiativen betroffen, unter anderem die Nachbarschaftsinitiative, in der Frau Willmann mitgearbeitet hat. Die Initiative sorgt dafür, dass Leute, die zum Beispiel blind oder krank sind, Unterstützung aus ihrem Stadtteil bekommen – auch durch Leute, die keine Arbeit haben wie Frau Willmann, die für ihre Mitarbeit eine Entschädigung bekommt.
Die Caritas organisiert das, und die Stelle der Frau, die das koordiniert, war bedroht. Darum war Frau Willmann auf dieser Demonstration.

Neben den Betroffenen und Aktivisten auf der einen Seite und Clement auf der anderen Seite hast du auch DGB-Chef Sommer interviewt. Welche Funktion hat der?

Der Film beschreibt, dass ein Riss durch die Gewerkschaften geht. Es gibt nicht nur einen Vertrauensverlust gegenüber der Regierung, sondern auch einen Vertrauensverlust gegenüber den Gewerkschaften.
Insofern fand ich es wichtig, dass jemand von der Spitze der Gewerkschaften mit Leuten von der Gewerkschaftsbasis in diesem Film ist, damit deren unterschiedliche Sichten vorkommen.

Was für einen Eindruck hast du von Sommer gewonnen? Ist er sich dieser Situation bewusst?

Ja, er sieht den Druck von beiden Seiten: Von der Basis und von der Regierung. Sommer beschreibt, was für ein tiefer Einschnitt Hartz IV ist: Die Regierung will weg von der bisherigen Situation, wo die Leute Versicherungsansprüche hatten, die sie in ihrem Arbeitsleben erworben haben, und hin zu einer reinen Armutssicherung.
Am Beispiel von Opel zeigt der Film, wie sehr das den Leuten Angst macht. Sie können von heute auf morgen ihre Arbeit verlieren und dann innerhalb eines Jahres bei Hartz IV landen. Das ist ein Riesendruckpotenzial gegenüber den Gewerkschaften.

Was für einen Eindruck hattest du im Gegensatz dazu von Clement? Hat er verstanden, was seine Politik für die Menschen bedeutet?

Ich glaube, dass Clement ein Zweckoptimist ist und vieles von dem glaubt, was er sagt. Wenn das so ist, dann leidet er teilweise unter Realitätsverlust.
Aber in einer Filmszene auf dem Arbeitsamt in Wismar kommt ein arbeitsloser Schlosser, und Clement gibt seine üblichen Durchhalteparolen aus. In dem Moment, wo er mit dem persönlichen Schicksal konfrontiert ist, merkt er, dass er nichts für die Menschen bewegt.
Daher kommt die Wut vieler Leute: Weil sie erleben, dass das, was ihnen die Politik verspricht, nicht funktioniert.
Eigentlich müsste die Politik dann sagen: Mit den Rezepten geht es nicht, wir müssen etwas anders machen. Diesen Punkt sehe ich bei Clement nicht.

Sommer sagt, wenn die Gewerkschaften die Proteste voll unterstützt hätten, dann würden wir jetzt in einem anderen Land leben. Haben die Montagsdemos nichts verändert?

Ich glaube doch. Zum einen hat die Wut der Menschen die Parteienlandschaft sehr verändert. Die soziale Bewegung bewegt sich in Wellen, und die Wut, die letztes Jahr viele Leute auf die Straße getrieben hat, bringt sie jetzt dazu, zumindest in Meinungsumfragen die Linkspartei zu unterstützen. Da ist was in Bewegung gekommen.
Zum anderen hat ein Teil der Bevölkerung etwas resigniert. Ich kann mir vorstellen, dass das vor allem in Ostdeutschland der Fall ist.
Die Leute sind im letzten Jahr auf die Straße gegangen mit der Hoffnung, mit Demonstrationen viel zu erreichen, weil sie so die SED gestürzt haben. Sie haben gemerkt, dass das so nicht funktioniert hat.
Aber sie können wieder in Bewegung kommen. Da können wir noch eine Menge Überraschungen erleben.

Welche Rolle kann dein Film dabei spielen?

Der Film kann im weitesten Sinne eine politische Bildungsarbeit leisten und Leuten Erkenntnisse vermitteln. Wir haben Anfragen aus fast 50 Städten, wo der Film gezeigt werden soll, ohne dass wir viel organisieren.
Die Anfragen kommen von Attac-Gruppen, Gewerkschaftsgruppen, Kirchengruppen, WASG. Das ist wirklich ein Schneeballeffekt.
Eine Vorführung ist eine gute Möglichkeit, unterschiedliche Gruppen zusammenzubringen, den Film anzugucken und zu diskutieren, was gelaufen ist, was die Schwierigkeiten waren und wo die soziale Bewegung im Moment steht.
In den Mainstream-Medien geht die Entwicklung immer mehr dahin, nur noch punktuell hinzuschauen. Unser Film hingegen versucht, Zusammenhänge zu zeigen.

Verglichen mit den Dokumentarfilmen von Michael Moore wirkt dein Film eher sachlich und nüchtern. Warum hast Du diese Form gewählt?

Das hängt sicher damit zusammen, dass ich seit 20 Jahren Filme für das Fernsehen mache. Zum anderen verstehe ich mich auch als Beobachter. Aber wenn ich Dinge beobachte, beobachte ich die natürlich aus meiner Perspektive.
Dann baue ich den Film so zusammen, dass ich dem Zuschauer die Zusammenhänge so vermittle, wie ich sie sehe. Gleichzeitig will ich dem Zuschauer Raum geben für eigene Reflexionen. In dem Moment, wo ich eine Position knüppelhart dem Zuschauer aufs Auge drücke, lasse ich ihm keinen Platz mehr dafür.
Mir war wichtig zu zeigen, wie breit dieser Protest ist, dass es unterschiedliche Blickwinkel gibt. Wenn die Masse der Bevölkerung ein soziales System will, dann muss man dafür auch Mehrheiten organisieren. Das bedeutet, die Gemeinsamkeiten zu sehen. So betrachte ich den Film. Ich will damit integrierend, nicht spaltend wirken.

Du stellst oft durch Schnitte Gegensätze gegenüber: Auf die Aussage einer Frau, dass man gegen Hartz IV nichts machen könne, folgt zum Beispiel eine Szene aus einer Montagsdemo in Magdeburg, die ihre Aussage widerlegt. Was willst du durch dadurch erreichen?

Ich erhoffe mir Spannung. Ein Film soll ja Leute reinziehen ins Geschehen. Das erreicht man, wenn man nicht immer an einer Figur dran bleibt, sondern Situationen gegeneinander stellt.
Wenn ich anfangs Aussagen von Hartz oder Clement kontrastiere mit wütenden Äußerungen von Demonstranten, dann hat das die Funktion, diese zwei Welten aufeinander treffen zu lassen. Ich will zeigen, wie weit die voneinander entfernt sind, wie abgehoben ein Peter Hartz wirkt, wenn es um die hautnahen Probleme der Leute geht.

Was hat dich bei der Arbeit an dem Film an meisten beeindruckt?

Ich fürchte, dass wir wieder eine Elendsbevölkerung kriegen. Das beschreibt der Film nicht so drastisch. In unserem Wirtschaftssystem wird zurzeit ein Teil der Leute aussortiert, weil sie ökonomisch nicht mehr gebraucht werden.
Das wird zu einer massiven psychischen und sozialen Verelendung führen. Das macht mich am meisten betroffen.
Das betrifft viele, und viele haben davor Angst. Ich erlebe das auch in meinem Umfeld, bei Leuten, die vielleicht noch relativ abgesichert sind. Die Geschwindigkeit, mit der Leute sozial abstürzen können, erhöht sich zurzeit rasant.
Darüber einen Film zu machen würde mich reizen. Wenn man diese Entwicklung verhindern will, dann muss man was dagegen setzen.

Wie siehst du die Chancen dafür?

Es entwickelt sich ja eine weltweite globalisierungskritische Bewegung. Ich glaube, dass die weiter wachsen wird. Es ist ein Lernprozess im Gange in Deutschland und auch in anderen Ländern.




Linksruck Nr. 205, 1. Januar 1970





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