25 Jahre Solidarnosc:

Lenin hätt’s gefallen

Vor 25 Jahren erkämpften die Arbeiter der Danziger Lenin-Werft die erste freie Gewerkschaft im Ostblock. Solidarnosc war der Anfang vom Ende der Unterdrückung im Namen des Sozialismus.

Polnische Arbeiter feierten 1980 mit dem Victory-Zeichen ihren Erfolg gegen die Diktatur. Bauern und Studierende gründeten Solidarnosc-Gruppen nach ihrem Vorbild. Die Gewerkschaft wurde gegründet, nachdem 16.000 Arbeiter aus Solidarität mit der entlassenen Kranführerin Anna Walentynowicz gestreikt hatten

Wladimir Lenin hätte Anna Walentynowicz gemocht. Sie setzte sich für höhere Löhne ein, für bessere Arbeitsbedingungen, freie Gewerkschaften und die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Solche Menschen unterstützte der russische Revolutionär Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Zeitung Prawda.

Doch die staatliche Leitung der nach Lenin benannten Danziger Werft im angeblichen Arbeiter- und Bauernstaat Polen feuerte die Kranführerin am 14. August 1980. Anna Walentynowicz hatte protestiert, weil das Regime im Juli Preiserhöhungen beschlossen hatte, wie schon oft in den Jahren zuvor. 1976 wurden beispielsweise die Preise für Fleisch um 69 Prozent und für Butter um mehr als die Hälfte erhöht.

Im Sommer 1980 legten Gruppen von Arbeitern in verschiedenen Betrieben wegen der Preiserhöhungen spontan die Arbeit nieder, auch auf der riesigen Lenin-Werft. Als Anna Walentynowicz deswegen entlassen wurde, traten alle 16.000 Arbeiter in den Streik und besetzten das Gelände.

Sie bestimmten einen Kollegen der Kranführerin, den Elektriker Lech Walesa, zu ihrem Sprecher. Die Nachricht vom Streik sprach sich schnell herum. Arbeiter anderer Betriebe schlossen sich an: zunächst in Danzig, in den nächsten Tagen im ganzen Land.

Die Streikleitung der Lenin-Werft wurde zum überbetrieblichen Streikkomitee. Am 18. August bot die Werftleitung ihm an, die Löhne zu erhöhen, die entlassenen Streikaktivisten um Walentynowicz wieder einzustellen und einen Teuerungszuschlag zu zahlen.

Walesa wollte zustimmen und den Streik beenden. Aber er überzeugte nicht alle Kollegen davon. Sie wollten mehr, unter anderem eine freie Gewerkschaft, führten den Streik weiter und hielten die Werft besetzt.

Das überbetriebliche Streikkomitee stellte 21 Forderungen auf, darunter die Abschaffung von Privilegien für Funktionäre der Staatspartei, Freilassung der politischen Gefangenen, Pressefreiheit, Streikrecht und Recht auf freie Gewerkschaften. Am 31. August gab der Staat nach. Einen Tag später gründeten die Streikaktivisten die Gewerkschaft Solidarnosc, auf Deutsch: Solidarität.

Solidarnosc wurde die erste freie Gewerkschaft im Ostblock und Walesa als ihr Anführer zur Symbolfigur für den Widerstand gegen die Diktaturen. Schnell gründeten Arbeiter in ganz Polen Gewerkschaftsgruppen. Ende September waren 10 Millionen Menschen Solidarnosc beigetreten.

Die Gewerkschaft musste für jede der 21 Forderungen kämpfen. Die Regierung hatte sie zwar angenommen, setzte sie aber nicht um.

Deswegen organisierte Solidarnosc ihren ersten landesweiten Streik. Immer neue Arbeiter und Betriebe schlossen sich an. Die Menschen waren mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen im angeblichen Sozialismus schon lange unzufrieden und die Aktivisten waren glaubwürdige Vertreter aus ihren Reihen.

„Ich war bekannt als jemand, der anderen etwas beibringt“, erinnert sich Walentynowicz. „Wenn ich eine Verhandlung gegen die Werftleitung gewonnen habe, bin ich zu den anderen gegangen und habe ihnen das erzählt, ihnen Mut gemacht.

Ich hatte natürlich auch Angst, wie viele andere, bis Andrzej Gwiazda mich davon überzeugt hatte, dass die Machthaber Angst haben sollen. Denn sie begingen doch die Verbrechen und nicht wir! Aus diesem Geist ist Solidarnosc entstanden: Einer für Alle, Alle für Einen.“ Mit Gwiazda, Walesa und anderen arbeitete die Kranführerin seit Mitte der 70er Jahre im „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“.

Bis 1970 unterstützte sie das Regime. Doch dann streikten Arbeiter in Danzig und anderen Städten für bessere Lebensbedingungen. Die Kollegen warfen die Scheiben der Parteizentrale ein und gingen auf die Straße.
Der Staat schlug zurück. Soldaten knüppelten die Arbeiter nieder.

Die Regierung gab zu, mindestens 49 Menschen ermordet zu haben. Von nun an wehrte sich Walentynowicz gegen die Diktatur.

„Ich wollte die Losungen der Partei von den Plakaten, die überall hingen, ins Leben umsetzen. Aber ich bekam dadurch Schwierigkeiten. Ich wurde zum Parteisekretär gerufen und belehrt.“

1980 war die große Mehrheit gegen das Regime. Deshalb riet Verteidigungsminister Jaruzelski der Regierung ab, die Armee auf die Streikenden schießen zu lassen.

Stattdessen verhandelte die Regierung und zögerte die Umsetzung der 21 Forderungen hinaus. Viele Arbeiter waren wütend und wollten mehr Druck machen.
Doch Walesa reiste durch Polen und löste spontane Streiks und Besetzungen auf. Er fürchtete, Streiks würden die Verhandlungen gefährden.

So gewann Jaruzelski Zeit, die Armee auf den Angriff auf die Streikbewegung vorzubereiten. Am 13. Dezember 1981 verhängte Jaruzelski, mittlerweile Staatschef, das Kriegsrecht über Polen, das bis 1983 galt.

Jaruzelski ließ hunderte Aktivisten verhaften, die Kassen der Solidarnosc beschlagnahmen, Betriebe unter Militärverwaltung stellen und jede gewerkschaftliche Arbeit verbieten. Anna Walentynowicz wurde ins Gefängnis gesperrt.

Lech Walesa wurde in einem Erholungsheim festgehalten, weil er weltweit bekannt war. Als die Kranführerin 1983 freigelassen wurde, bekam er den Friedensnobelpreis.
Doch das Regime erreichte durch seine Gewalt nur eine Atempause. Retten konnte es sich nicht.

1988 wehrten sich die Arbeiter erneut. Ein Jahr später wurde Solidarnosc als Gewerkschaft wieder zugelassen, trat als Partei zu den ersten halbfreien Wahlen an und stellte mit Tadeusz Mazowiecki den Ministerpräsidenten.

Gewonnen hatten die Polen dadurch nicht, meint Walentynowicz. „Der heutige Arbeiter stimmt seiner Erniedrigung zu, er nimmt eine Lohnkürzung in Kauf und lässt sich von seinen Vorgesetzten schlecht behandeln, nur um seine Arbeit behalten zu dürfen. Heute stehen drei Millionen Arbeiter auf der Straße. Dafür haben wir nicht gekämpft.“


von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 206, 1. Januar 1970





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