Palästina: Ermordet im Kampf gegen Vertreibung

Am 16. März ermordete die israelische Armee bei ihrer Offensive 10 Menschen darunter die US-Amerikanerin Rachel Corrie. Sie wollte verhindern, dass ein Wohnhaus zerstört wird. Jeff Halper, Koordinator der israelischen Kampagne gegen die Zerstörung von palästinensischen Wohnhäusern, schreibt in Linksruck über Zerstörung und Vertreibung.

Dieser Artikel erschien am 18. März ursprünglich unter der Überschrift "Honor Rachel, End House Demolitions" (Ehren wir Rachel, stoppen wir die Zerstörung palästinensischer Häuser) auf der Homepage von ICAHD (Israeli Committee against House Demolition)
Das israelische Komitee gegen die Häuserzerstörung und die gesamte iraelische Friedens- und Menschenrechtsbewegung betrauern den Tod von Rachel Corrie im Gazastreifen. Wir bekunden ihrer Familie, ihren Freunden und den Genossen in der internationalen Solidaritätsbewegung unser Beileid.
Rachel war nicht die erste, die als Ergebnis Israels grausamer Politik der Häuserzerstörung umgebracht wurde. Vor weniger als zwei Wochen wurden Nuha Makadma Sweidan und ihr ungeborenes Kind "versehentlich" von Pionieren der israelischen Armee getötet, als diese ihr Haus und das ihres Nachbarn in die Luft sprengten. Einige Wochen vorher waren eine alte Frau und ihr gehbehinderter Mann unter dem Schutt ihres Hauses in Gaza beerdigt worden, weil die israelischen Abrisskommandos sie "übersehen" hatten. Diese blutigen Ereignisse waren keine Unfälle. Israel zerstört routinemäßig die Häuser und das Eigentum der Palästinenser, und dabei werden selten die einfachsten "Sicherheitsvorkehrungen" getroffen.
Die überwältigende Mehrheit der Zerstörungen hat dabei mit dem Kampf gegen Terroristen nichts zu tun. Laut Angaben der UNO standen weniger als 600 der 10.000 Häuser, die seit der Besetzung der palästinensischen Gebiete 1967 zerstört wurden, in Verbindung mit mutmaßlichen Gewalttätern. Der Rest, also 94 Prozent, waren einfach palästinensische Häuser, die Israel im Weg standen. Das traf auch auf das Haus von Dr. Samir Nasrallah zu, welches Rachel verteidigte, als sie starb.
Dr. Nasrallah hatte sich an keiner israelfeindlichen Aktion beteiligt, und ihm wurde keinerlei Straftat vorgeworfen. Sein Haus wurde von Bulldozern platt gewalzt, weil es innerhalb des breiten "Sicherheitsstreifens" lag, den Israel entlang seiner Grenze zu Ägypten schaffen will.
Dr. Nasrallah wurde nicht entschädigt, ihm wurden keine alternative Unterkunft und keine Möglichkeit angeboten, vor Gericht zu klagen. Er wurde ein weiteres Opfer der Zerstörung, die Familien obdachlos macht, sie verarmt, traumatisiert und ruiniert. Dabei handelt es sich um eine illegale Politik, denn das Völkerrecht verbietet die Zerstörung von Wohnhäusern durch eine Besatzungsmacht.
Warum aber verfolgt Israel diese herzlose Politik, die wie dafür gemacht ist, Hass hervorzurufen? Zum einen zwingt die Politik der Häuserzerstörung die Palästinenser in die winzigen und überfüllten Inseln der ehemals autonomen palästinensischen Ortschaften und erlaubt Israel so, das gesamte Westjordanland und den Gazastreifen mit seinem expansiven Netz von Siedlungen zu kontrollieren.
Zweitens weiß Israel, dass Wohnhäuser den Palästinensern heilig sind und das Herzstück der erweiterten Familien bilden. Indem Israel die Häuser zerstört, hofft es, den Widerstandswillen der Palästinenser gegen die Besatzung zu brechen, damit sie das Leben in einem zerstückelten Bantustan akzeptieren.
Drittens aber sind die Zerstörungen ein Schlüsselmechanismus in dem Prozess der Vertreibung der Palästinenser, damit Israel seinen Alleinanspruch auf das gesamte Land durchsetzen kann.
Unter den Zielen der Besatzung ist es dieses letzte, das uns Mitglieder der israelischen Friedensbewegung antreibt, uns wie Rachel der Zerstörung entgegenzustellen, die israelischen Bulldozer mit unseren eigenen Leibern aufzuhalten und palästinensische Häuser wieder zu errichten, wenn sie zerstört werden. Denn indem wir als israelische Juden das tun, sagen wir den Palästinensern: Wir erkennen eure Existenz als Volk und euer Recht, hier zu leben, an. Wir wollen dieses Land auf gleichberechtigter Grundlage mit euch teilen. Wir suchen eine gemeinsame Zukunft und einen gerechten Frieden. Wir weigern uns, eure Feinde zu sein.
Rachel war keine Israelin. Sie war als Teil der internationalen Solidaritätsbewegung Mitglied der internationalen Zivilgesellschaft wie wir alle. Durch ihre Aktionen bekräftigte sie ihre Verantwortung für die Verteidigung der unveräußerlichen Würde und der Gleichberechtigung aller Menschen, einschließlich ihres Rechts auf eine eigene Nationalität. Sie stellte sich gewaltlos der Gewalt entgegen, die den Palästinensern durch die Besatzung angetan wird.
Die Grausamkeiten, die in den besetzten Gebieten verübt werden, haben unvorstellbare Ausmaße angenommen. Es gibt wenig, das uns mehr bewegt. Die Zerstörung 60 palästinensischer Häuser in Rafah, wo Rachel arbeitete, wurde vor einem Jahr von der Öffentlichkeit praktisch nicht wahrgenommen. In den letzten zwei Jahren hat die israelische Armee 2.400 Palästinenser ermordet, jeder Vierte von ihnen war unter 18 Jahren; 22.000 wurden verwundet. Dreißig Prozent der palästinensischen Kinder leiden an Unterernährung. Eine halbe Million Oliven- und Obstbäume wurden gerodet oder gefällt. Israel hält die Palästinenser heute hinter einer 800 Kilometer langen Mauer gefangen, die höher und stärker befestigt ist als es die Berliner Mauer war. All das kann einen wirklich verrückt machen, und es findet vor unseren Augen statt. Und wer will davon wissen? Rachel wollte es wissen.


Linksruck Nr. 150, 1. Januar 1970





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