„Das Öl gehört uns“

Der Widerstand gegen die Besatzung im Irak hat viele Gesichter. Der Gewerkschafter Hassan Juma a Awad berichtet über den Kampf der irakischen Ölarbeiter.

Irakische Ölförderanlagen, wie hier in Kirkuk, sind das erste Übernahmeziel ausländischer Konzerne gewesen. Im Südirak konnte eine Privatisierung durch den Widerstand der Ölarbeitergewerkschaft bisher verhindert werden

Seit Wochen verweigern deutsche Behörden irakischen Gewerkschaftern die Einreise. Die Aktivisten aus dem Südirak wollten über den Kampf der irakischen Gewerkschafter für Lohnerhöhungen und gegen Privatisierungen berichten. Damit der andere Irak auch in Deutschland bekannt wird, bringt Linksruck ein Interview mit dem Vorsitzenden der Ölarbeitergewerkschaft GUOE.

Wie wurde die Gewerkschaft GUOE organisiert?

Zwei Wochen, nachdem die Besatzungstruppen am 9. April 2003 in Basra einmarschiert waren, trafen sich irakische Aktivisten aus der Ölindustrie, um die Gewerkschaftsarbeit neu zu organisieren. Wir befürchteten, dass die Besatzung vor allem den Zweck hat, die Ölindustrie zu kontrollieren. Wir wussten, wenn wir uns nicht organisierten, würden wir nicht in der Lage sein, unsere Industrie zu schützen, um die wir uns seit Generationen gekümmert hatten. Es war unsere Pflicht als irakische Arbeiter, die Ölanlagen zu schützen, denn sie sind das Eigentum des irakischen Volkes, und wir sind sicher, dass die USA und die internationalen Gesellschaften hergekommen sind, um sich der Ölreserven des Landes zu bemächtigen.
Wir sind trotz der britischen Besatzung in der Lage gewesen, die erste Öl-Industriegewerkschaft im Bergesseya-Gebiet seit Saddams Terror-Regime aufzubauen, und diese Arbeit haben wir in Basra und im Süden des Landes fortgesetzt. Inzwischen haben wir Arbeiterverbände in 23 Gebieten des Südirak und eine kleine Konferenz in Basra organisiert. Die Öl-Unternehmen im Süden haben ungefähr 90 Prozent der Ölreserven , und wir vertreten über 23.000 Arbeiter. Eine Gewerkschaft für Ölarbeiter zu organisieren, war weder einfach, noch war es im Sinne der Besatzungskräfte. Sie betrachteten uns als Gefahr und taten ihr Möglichstes, um uns aufzuhalten.

Warum?

Weil ihnen klar ist, dass organisierte Arbeiter eine Macht haben, mit der sie sich auseinander setzen müssten. Es würde sie dazu zwingen, ihre Pläne aus den Anfängen der Besatzung zu ändern.

Welche Probleme musste die Gewerkschaft überwinden?

Die Arbeiter haben nicht bekommen, was ihnen zustand. Die Besatzungskräfte haben die Verordnung Nummer 30 für Löhne im öffentlichen Sektor erlassen, nach der das Gehalt eines Arbeiters 69.000 Dinar im Monat betragen würde. Das sind ungefähr 35 Dollar, extrem niedrig also, während die Inflation und die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind.
Die irakischen Ölreserven sind die zweitgrößten der Welt. In dieser Situation fragten wir uns: Wie kann es sein, dass die Arbeiter in unserer Ölindustrie mit einem Lohn von 35 Dollar abgespeist werden sollen? Es stellte sich heraus, dass die amerikanische Verwaltung nicht gewillt war, mit uns eine Einigung zu erzielen, sodass wir am 13. August den Streik ausriefen. Nach einem kurzen Streik schafften wir eine Erhöhung des Gehalts auf 150.000 Dinar, also ungefähr 100 Dollar.
Das ist für uns erst der Anfang - ein Anfang des Kampfes zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter. Und wir haben es geschafft, dass die amerikanische Firma KBR ihre Arbeiter komplett von unseren Anlagen abgezogen hat.

Haben sich die Verantwortlichen deshalb geweigert, mit den Gewerkschaften zu reden, weil sie das Gesetz von 1987 im Auge hatten, nach dem Gewerkschaften im öffentlichen Sektor verboten sind?

Ja. Wir hatten Probleme, weil sie immer wieder darauf bestanden, dass wir kein Recht hätten, die Ölarbeiter zu vertreten. Aber was uns betraf - wir brauchten sie nicht für unsere Rechtfertigung, denn wir waren von den Arbeitern gewählt. Das ist die einzige Rechtfertigung, die wir brauchen.

Und wie habt ihr es geschafft, dass die Regierung doch mit euch gesprochen hat?

Es war der Druck des Streiks, der die amerikanische Verwaltung schließlich dazu gebracht hat, ihre Meinung zu ändern. Sie hatten keine andere Wahl, als das Lohnniveau zu heben. Es ist uns gelungen, die beiden niedrigsten Lohngruppen abzuschaffen, was die Löhne vieler Arbeiter verdoppelte.
Der Lebensstandard ist gestiegen, sogar im Vergleich zu Saddam Husseins Zeiten. Inzwischen bekommt ein Arbeiter mit 20jähriger Erfahrung ungefähr 420.000 Dinar, also ungefähr 300 Dollar. Damit sie mal einen Vergleich haben: ein Hühnchen auf dem Markt kostet 300 Dinar, also 1 Dollar.

Was halten die Mitglieder der Ölarbeitergewerkschaft von der Besatzung?

Auf allen Treffen, die wir mit Arbeitern der gesamten Industrie abgehalten haben, haben wir von fast jedem gehört, dass er ein sofortiges Ende der Besatzung und den sofortigen Rückzug der Besatzungstruppen möchte.

Was haltet ihr vom bewaffneten Widerstand gegen die Besatzung?

Wir unterstützen alle Arten des ehrenhaften Kampfs im Irak, und wir möchten, dass die Besatzung sofort aufhört. Aber wir sind gegen alle Terrorakte gegen die irakische Zivilbevölkerung durch gewisse Terrororganisationen im Irak. Das unterstützen wir nicht. Dagegen sind wir eben so sehr wie gegen die Besatzung. Wenn die Besatzungstruppen abgezogen sind, werden wir in der Lage sein, eine neue Demokratie aufzubauen, die die Interessen der irakischen Bevölkerung vertritt, nicht die der USA.

Wie sind eure Beziehungen zu anderen Gewerkschaften in Basra?

Wir haben sehr gute Beziehungen zu den anderen Handelsgewerkschaften dort. Unser Kampf ist EIN Kampf, und wir müssen gemeinsam gegen die Besatzung vorgehen.
Der anstehende Kampf gegen die Privatisierung ist wichtiger als der Kampf gegen die Besatzung, denn die USA versuchen, alle Sektoren der irakischen Wirtschaft zu privatisieren.


Das Interview führte David Bacon

Linksruck Nr. 210, 1. Januar 1970





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