Edelweißpiraten:

Rebellen von der Straße

Der Film „Edelweißpiraten“ erzählt die Geschichte kämpferischer Jugendlicher, die gegen das Nazi-Regime aufbegehrten.

Über den Autor: Arno Klönne hat Soziologie an der Universität Paderborn gelehrt und ist Autor von Büchern über die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung

Köln im Kriegsjahr 1944: Eine Stadt in Trümmern. Und ein Regime, das hier, an der Westgrenze des „Reiches“, schon in Auflösung gerät. Mit aller Brutalität versuchen Nazi-Funktionäre und Gestapo, jeden Widerstand zu unterdrücken.

In den Häuserruinen und Kellern geht es für die so genannten Volksgenossen ums Überleben. Die einen glauben immer noch an den „Endsieg“, die anderen hoffen, dass bald Schluss sein wird mit dem Wahnsinn.

Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Menschen: Wehrmachtsdeserteure, entflohene Häftlinge, Zwangsarbeiter. Sie sind untergetaucht, um dem Zugriff des Nazi-Staates zu entkommen. Der hat sie als „Gemeinschaftsfremde“ gebrandmarkt. In diesem katastrophalen Gewirr agiert in Köln-Ehrenfeld eine –wie die Verfolger damals sagten– „Clique“ von jungen Menschen, die sich wehren, und zwar handgreiflich.

Sie beschaffen sich Waffen, schlagen sich mit dem Streifendienst der Hitlerjugend (HJ), verstecken Jüdinnen, malen Antinazi-Parolen an die Häuserwände, planen einen Überfall auf das Gestapo-Hauptquartier. Die Jugendlichen dieser „Clique“ kommen aus der verbotenen Alternativszene der „Edelweißpiraten“. Das Regime schlägt zu, die meisten aus der „Clique“ werden verhaftet. Sie werden gefoltert, viele schließlich hingerichtet. Ohne Gerichtsurteil werden am 11.November 1944 in Köln-Ehrenfeld dreizehn junge Menschen erhängt, öffentlich, zur „Abschreckung“, die jüngsten von ihnen sind erst sechzehn Jahre alt.

Das ist die Handlung des Films „Edelweißpiraten“ (Regie: Niko von Glasow), der jetzt endlich in den Kinos zu sehen ist. Offenbar gab es beim deutschen Filmverleih erhebliche Abneigungen gegen ein Thema, das der Spiegel auf die Formel brachte: „Widerstand aus der Gosse“.

Der Film ist unbedingt sehenswert. Er nimmt Partei für die „Edelweißpiraten“ und ihren Kampf gegen die Nazis, auch wenn er kein vollständiges Bild dieser oppositionellen Jugendkultur vermitteln kann.

Seinen Wert hat der Film vor allem darin, dass er ein immer noch vorherrschendes Deutungsmuster der Geschichte der Gegner des Nazi-Staates durchbricht. Das besagt, Widerstand sei damals Sache (und Vorrecht) der Oberschicht gewesen, etwa der stets herangezogenen „Männer des 20. Juli“, die dem Offizierskorps der Wehrmacht angehörten. In eine solche Lesart von Geschichte passen die „Edelweißpiraten“, die überwiegend aus der Arbeiterklasse kamen, nicht hinein.

Deshalb wurde ihnen über viele Jahre hinweg in der Bundesrepublik jede Würdigung verweigert. Den offiziellen Geschichtsschreibern war der Gedanke zuwider, Menschen „niederen Standes“, noch dazu „unreifen“ Jugendlichen, das Recht auf Widerstand zuzugestehen.

Oppositionelle Jugendgruppen wie die „Edelweißpiraten“ (manche nannten sich auch „Meuten“, „Fahrtenstenze“ oder „Navajos“) waren in einigen Gegenden Nazi-Deutschlands weit verbreitet. Sie hatten keine festen Organisationsstrukturen und verbreiteten sich per „Ansteckung“, vor allem durch einen eigenen Liederbestand, durch illegale Wanderfahrten, durch spontane heimliche Treffen an den Wochenenden.

Die gemeinsame Motivation dieser Jugendlichen bestand im Widerwillen gegen den Drill in der HJ, im Aufbegehren gegen eine autoritäre Jugend-„Führung“, im Hass auf den Kasernenhofgeist des Nazi-Systems.

Es verwundert nicht, dass diese unangepasste Geisteshaltung der „Edelweißpiraten“ nach 1945 von den Obrigkeiten in der BRD wie in der DDR als nicht geeignet für eine historische Traditionspflege betrachtet wurde. Schließlich wurde ja in beiden deutschen Staaten schon bald wieder „Disziplin“ verlangt und aufgerüstet.

In Westdeutschland gab es in den 50er Jahren noch einmal eine Situation, bei der Überlieferungen aus der Jugendkultur der „Edelweißpiraten“ zum Zuge kamen: Bei der vorwiegend von jungen Menschen getragenen „Ohne mich“-Bewegung, dem Protest gegen die Wiederaufrüstung. Und siehe da: Auf Seiten der Staatsorgane, die nun die Militärgegner unterdrückten, war so manche Figur zu sehen, die einige Jahre zuvor, in Nazizeiten, jugendliche Oppositionelle wie die „Edelweißpiraten“ verfolgt hatte.

Jugendprotest begann also nicht erst 1968, und er war keine Sache, die nur Studenten betrieben hätten.
In der Geschichtsschreibung wird über die „Edelweißpiraten“ häufig gesagt, sie seien „unpolitisch“ gewesen und schon deshalb in die Ehrenreihe der Widerstandskämpfer nicht aufzunehmen. Aber was ist das für ein Begriff von Politik?

Da haben junge Leute „Nein!“ gesagt zum Machtanspruch eines Staates, der sie zum Kanonenfutter abrichten wollte. Deshalb galten sie den Nazis als „staatsgefährdend“, und deshalb machten Gestapo und HJ Jagd auf diese rebellischen Jugendlichen.

Das alles war hochpolitischer Alltag, auf beiden Seiten. Die Geschichte des „Dritten Reiches“ hat sich nicht nur im Führerbunker abgespielt.


von Arno Klönne




Linksruck Nr. 211, 1. Januar 1970





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