Merry Christmas:

Der Frieden im Krieg

Im Ersten Weltkrieg feiern deutsche, französische und britische Soldaten zusammen Weihnachten. Das ist wirklich passiert.

Der Krieg beginnt in der Grundschule. In einem deutschen, einem französischen und einem britischen Klassenzimmer stehen Kinder, die ein Gedicht aufsagen. Die Jungen sprechen in ihrer jeweiligen Sprache, wie ein Adventsgedicht, unschuldig im Tonfall, mörderisch im Inhalt. Denn jedes der Gedichte fordert dazu auf, im Krieg so viele Franzosen beziehungsweise Deutsche wie möglich zu töten.

Die Opernsängerin Anna Sörensen (Diane Krüger) veranstaltet Weihnachten nahe der Front einen Liederabend für den deutschen Kronprinz Wilhelm von Preußen. Dabei kann sie ihren Geliebten Nikolaus Sprink (Benno Fürmann), ebenfalls Sänger, wieder sehen, der sonst im Schützengraben kämpfen muss.

Danach gehen Anna und Nikolaus an die Front, um mit seinen Kameraden zu feiern. Nur 50 Meter weiter müssen auch französische und mit ihnen verbündete britische Soldaten Heilig Abend im Schützengraben verbringen.

Als Sprink „Stille Nacht, Heilige Nacht“ singt, beginnt das Unglaubliche: Ein Schotte stimmt mit dem Dudelsack in das Lied ein. Langsam wagen sich Soldaten aus den Schützengräben hervor, misstrauisch und ängstlich zunächst, bald mit ungläubiger Freude.

Im Niemandsland zwischen den Fronten verbrüdern sich Franzosen, Briten und Deutsche. Die Männer essen und trinken zusammen. Ein britischer Priester hält den Gottesdienst.

Am nächsten Tag vereinbaren die drei Offiziere (unter anderem Daniel Brühl) einen Waffenstillstand. Die Toten werden begraben, und die Lebenden spielen mit ihren vermeintlichen Feinden Fußball und Karten. Schließlich gewähren sich Deutsche, Franzosen und Briten wechselseitig Deckung vor Artilleriefeuer.

Doch der Frieden im Krieg darf nicht halten. Als die Generäle aller Seiten von der Verbrüderung erfahren, kommen sie persönlich an die Front, um die Fortsetzung der Kämpfe zu erzwingen.

„Merry Christmas“ ist ein besonderer Antikriegsfilm, weil er die Soldaten beider Seiten zeigt und verdeutlicht, dass der Frieden ihr gemeinsamer Wunsch ist. Auf der anderen Seite sitzen die Generäle in beheizten Zimmern und sind nicht über das Massenmorden schockiert, sondern darüber, dass es aufgehört hat.

Nachdem die Verbrüderung beendet wurde, kommt ein britischer Bischof an die Front, um den beteiligten Priester gegen seinen Willen in seine Kirche zurückzuschicken. Danach hält der Bischof eine Messe für neu angekommene Soldaten: Er erklärt den Weltkrieg zum „Heiligen Krieg“.

Die Soldaten müssten ihren Glauben und die Menschlichkeit verteidigen, indem sie so viele Deutsche wie möglich töteten. Denn die Deutschen seien unmenschlich und deshalb „keine Kinder Gottes“.

„Merry Christmas“ zeigt nur einen kleinen Abschnitt, doch Weihnachten 1914 verbrüderten sich die meisten Soldaten an der 800 Kilometer langen Westfront von der Nordsee bis zur Schweiz. Leider gelingt es dem Film zu selten, die Gefühle der Soldaten zu zeigen, weil er ständig zwischen den Kriegsparteien hin- und her springt. Doch wie nur wenige Filme zuvor zeigt „Merry Christmas“, dass im Krieg auf beiden Seiten immer die Menschen verlieren, egal wer gewinnt.


von Daniel Illger (E-Mail)




Linksruck Nr. 212, 1. Januar 1970





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