Abrechnung - Der Linksruck-Wirtschaftsweise:

Deutschland ist Weltmeister

„Viele unserer Bereiche sind nicht wettbewerbsfähig“, behauptete Wolfgang Bernhard, Vorstand von Volkswagen, diesen Monat. „Wenn wir das Unternehmen nicht über Wasser halten können, müssen wir den Tarifvertrag hinterfragen.“

Dabei hat Volkswagen letztes Jahr mit 5,24 Millionen so viele Autos verkauft wie nie zuvor, davon über 80 Prozent im Ausland. Kein Land exportiert so viele Waren und Dienstleistungen wie Deutschland.

2004 exportierte die deutsche Wirtschaft Waren im Wert von 732 Milliarden Euro und importierte Waren im Wert von 577 Milliarden. Der Außenhandelsüberschuss von 156 Milliarden ist der höchste weltweit.

Deshalb mussten die USA einen Mehrimport aus Deutschland in Höhe von 23 Milliarden hinnehmen, Frankreich von 16 Milliarden, Großbritannien von 14 Milliarden und Italien von 13 Milliarden. Die Wirtschaften dieser Länder leiden unter Billigexporten aus Deutschland. Aus den Einnahmen finanzieren deutsche Konzerne Übernahmen von Konkurrenten unter anderem in den USA und Kanada.

Gegenüber allen Industrieländern erzielte die deutsche Exportwirtschaft insgesamt einen Handelsüberschuss von 109 Milliarden, gegenüber den Entwicklungsländern 13 Milliarden und selbst gegenüber den Mitgliedern der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) 5 Milliarden. Lediglich die osteuropäischen Länder, die 2004 der EU beitraten, erzielten gegenüber Deutschland einen leichten Überschuss von zusammen genommen 1 Milliarde Euro.

Die Höhe der durchschnittlichen Löhne ist nicht die entscheidende Größe, wenn es um die Exportchancen geht. Das lässt sich leicht zum Beispiel daran ablesen, dass Deutschland sowohl aus China, einem Niedriglohnland, wie auch aus Japan, wo sehr hohe Löhne gezahlt werden, sechs beziehungsweise sieben Milliarden mehr an Waren importiert, als es dorthin verkauft.

Aus der Schweiz, wo die Löhne etwa genauso hoch liegen wie hier, importiert Deutschland jährlich Waren im Wert von 23 Milliarden, aus ganz Lateinamerika nur für 15 Milliarden. Ein Grund hierfür ist, dass in Industrieländern zwar die Stundenlöhne höher sind, pro Stunde aber viel mehr hergestellt wird als in den meisten Entwicklungsländern. Die so genannten Lohnstückkosten sind daher in Deutschland letztlich niedrig. Die Gewerkschaften betonen deshalb zu Recht, dass auf die Produktivität, also die Leistung pro eingesetzter Arbeitszeit, geachtet werden müsse und nicht nur auf die Höhe der Stundenlöhne.

Zum anderen haben sich Konzerne aus den Industrieländern auch mit staatlicher Unterstützung in Branchen wie Chemieindustrie und Maschinenbau weltmarktbeherrschende Stellungen erkämpft. Sie produzieren Waren, für die es international fast keine Konkurrenz mehr gibt. Ihre Exportchancen werden vom Lohnniveau kaum beeinflusst.

Die deutsche Exportwirtschaft ist so erfolgreich, dass sie anderen Ländern ernsthafte Probleme bereitet. Wenn Politiker dort vom Globalisierungsdruck sprechen, verweisen sie auf die aggressiven Markteroberungsstrategien deutscher Exporteure. Die Arbeiter sollen auch dort für weniger Geld mehr arbeiten, um die Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Da sich Konkurrenzfähigkeit in der gegenwärtigen Krise des globalen Kapitalismus aber nur noch auf Kosten zunehmender Ausbeutung, Verarmung und Verringerung der Belegschaften erreichen lässt, führt sie nicht zu mehr Wohlstand und Arbeitsplätzen für die Masse der Bevölkerung. Die Versprechungen der Neo-Liberalen erfüllen sich nirgendwo.

Der zunehmend erbitterte Konkurrenzkampf der internationalen Konzerne führt nur immer tiefer in die Krise.




Linksruck Nr. 213, 1. Januar 1970





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