Weltsozialforum 2006: Weltweit kämpfen und siegen

Auf dem Weltsozialforum (WSF) in Caracas diskutierten zehntausende über einen neuen Sozialismus und mögliche Strategien, ihn zu erreichen. Lucia Schnell war vor Ort.

Brasilianische Sozialisten von der neuen Linkspartei P-SOL demonstrieren gegen Neoliberalismus und Krieg
Das Sozialforum und du

Lucia Schnell und andere Besucher des WSF werden am Samstag, 18. Februar in Berlin und Freiburg, am Sonntag, 25. Februar in Chemnitz, Frankfurt, Hannover und am Samstag, 18. März in Hamburg aus Caracas berichten (Termine).

Wenn du selbst eine Veranstaltung organisieren möchtest, kannst du Lucia oder andere Redner einladen. Wende dich an Jan in der Linksruck-Redaktion. Telefon 030/63 22 56 40, E-Mail janmaas@linksruck.de

Das nächste europäische Sozialforum findet vom 4. bis 7. Mai in Athen statt. Bis zu 3.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland wurden bei diesen Treffen gezählt. mehr Infos

Auf dem 6. Weltsozialforum in Caracas vom 24. bis 29. Januar trafen sich 60.000 Aktivisten aus verschiedenen Bewegungen und Ländern unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich!“. Die radikale Stimmung in Venezuela färbte auf die Themen ab: Noch nie gab es so viele Veranstaltungen über „Sozialismus im 21. Jahrhundert“, Antiimperialismus und Revolution. Die vielen Teilnehmer aus dem südamerikanischen Kontinent prägten mit ihrem Selbstbewusstsein aus ihren Erfolgen der letzten Jahre die Stimmung.

Der Sieg des Bauernführers Evo Morales bei der Präsidentschaftswahl in Bolivien ist einer der größten Erfolge. In Uruguay hat eine Kampagne einen Volksentscheid gegen die Privatisierung des Wassers gewonnen. Jetzt wurde in die Verfassung das Recht auf Wasser aufgenommen.

Der US-Konzern Bechtel hat gerade einen Prozess auf Schadenersatz gegen den Staat Bolivien aufgegeben. Das Unternehmen hatte die Wasserversorgung der Stadt Cochabamba für 40 Jahre gekauft. Eine Massenbewegung dagegen zwang die Regierung 2000, sie wieder zu verstaatlichen.

Auf der Eröffnungsdemo trugen die Teilnehmer Plakate gegen Krieg und Bildern von Che Guevara und Simón Bolívar, der im 19. Jahrhundert in Lateinamerika die erste Befreiungsbewegung gegen den Kolonialismus anführte.

Wir trafen Studierende der von Präsident Hugo Chávez gegründeten bolivarianischen Universität in Caracas. Diese neuen Unis sind für Studierende kostenlos, im Gegensatz zu den älteren Hochschulen, wo nur Leute aus der Mittel- und Oberschicht studieren können.
Die Studierenden waren aktiv in der Bewegung, die 2002 den Putsch von Militär und Oberschicht gegen Chávez verhinderte. Damals lagen US-Kriegsschiffe vor der venezolanischen Küste.

Viele Venezolaner wollen, dass die „bolivarianische Revolution“, wie Chávez die Umgestaltung des Landes nennt, vertieft wird. Sie organisieren sich, um Bildung und Gesundheitsversorgung zu verbessern. Sie haben ein landesweites Netz alternativer Radios und Fernsehsender gegründet, um der Propaganda der Medien, die fast alle den Putsch unterstützten, etwas entgegenzusetzen.

Trotz der Erfolge nutzen Chávez’ Reformen nur einem Drittel der armen Venezolaner. Viele Menschen fordern, dass die Korruption stärker bekämpft und die Macht der Reichen weiter eingeschränkt wird, um die soziale Ungerechtigkeit zu mindern.

Die Reichen hassen Chávez und seine Unterstützer. Wir als Forumsteilnehmer wurden auch beschimpft, als wir durch ein reiches Viertel gelaufen sind.

Venezuela ist tief gespalten in arm und reich, Chávez-Unterstützer und Opposition. Die große Mehrheit steht hinter Chávez´ Reformen.

Diese hat sich über die politische Unterstützung ihres Kampfes gefreut. Viele Venezolaner haben das Forum genutzt zur Suche nach Strategien gegen Imperialismus, Umweltverschmutzung und für einen neuen Sozialismus, der die Eliten entmachtet.

Teilweise wurde in der europäischen Presse kritisiert, das Sozialforum in Caracas würde sich zu sehr in den Schatten von Chávez stellen. Ich denke, es war für das Sozialforum richtig, sich solidarisch mit der politischen Umgestaltung in Venezuela zu zeigen.

Es war fruchtbar, das Forum von Porto Alegre in Brasilien, wo die Regierung unter Lula die neoliberale Politik fortsetzt, nach Caracas ins Herz eines revolutionären Prozesses zu verlegen.

Dies ist auch eine Ansage an George Bush und seine Bündnispartner in aller Welt, dass die weltweite Bewegung genauso entschlossen gegen ihre Politik kämpfen wird wie die Venezolaner gegen jeden Versuch, Chávez zu stürzen. Chávez ist seit Che Guevara der erste Präsident in Lateinamerika, der so selbstbewusst mit einer Massenbewegung im Rücken gegen den US-Imperialismus auftritt.


von Lucia Schnell




Linksruck Nr. 214, 1. Januar 1970





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