AEG-Streik: Ihr Kampf lässt keinen kalt

Der Streik der AEG-Arbeiter ist zum Symbol des Widerstandes gegen die „hässliche Fratze des Kapitalismus“ geworden. Frank Eßers berichtet aus Nürnberg.

Heißer Arbeitskampf bei klirrender Kälte: Rund um die Uhr stehen die Kollegen bei AEG Nürnberg seit dem 20. Januar auch bei Minusgraden Streikposten. Sie kämpfen gegen den Plan der Electrolux-Bosse, die Produktion für höheren Profit zu verlagern
Schickt Solidaritätsschreiben an den Betriebsratsvorsitzenden Harald Dix: harald.dix@aeg-hausgeraete.de oder per Post an: AEG Hausgeräte, z. Hd. Betriebsratsvorsitzender Harald Dix, Muggenhofer Str. 135, 90429 Nürnberg

„Es gibt keinen einzigen Streikbrecher“, berichtet der Streikleiter der Gewerkschaft IG Metall Jürgen Wechsler. Die Kollegen im prall gefüllten Streikzelt klatschen Beifall.

Auch am 13. Tag steht die Streikfront geschlossen. Niemand will sich von den Managern von Electrolux, dem Besitzer von AEG, unterkriegen lassen. Sie wollen das Werk nächstes Jahr schließen, obwohl es Gewinn erwirtschaftet.

Electrolux ist der größte Hausgerätehersteller der Welt. Der Vorstandsvorsitzende Straberg will mehr Gewinne, um die internationale Konkurrenz zu verdrängen. Deshalb soll die Produktion ins Ausland verlagert werden. Zum Beispiel ins polnische Zarow, eine so genannte „Sonderwirtschaftszone“, wo besonders günstige Bedingungen für Konzerne herrschen: niedrige Löhne, schwache Gewerkschaften, keine Betriebsräte.

Die IG Metall hat Hinweise darauf, dass die EU die Verlagerung der Produktion sogar subventioniert, auch mit dem Geld deutscher Steuerzahler. Wenn das stimmt, müssen die AEG-Arbeiter die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze mit bezahlen.

Bisher bleibt Straberg bei seinem Plan, das Werk zu schließen und die Existenzen von 1750 Arbeitern zu gefährden. Doch „die Kollegen werden weiter streiken, die gehen nicht einfach nach Hause“, sagt Ahmet Kaya entschlossen. Fröstelnd steht er in einer Gruppe Arbeiter, die sich an einer brennenden Mülltonne vor Tor 1 wärmen.

Um 17 Uhr kündigt sich schon die klirrende Kälte der Nacht an. Die schreckt hier niemanden. Die Kollegen haben ihre Streikposten auch bei minus 13 Grad gehalten. Ahmet geht einen Schritt näher ans Feuer und berichtet, dass ein großer Teil der Belegschaft wahrscheinlich keinen neuen Arbeitsplatz findet, wenn das Werk geschlossen wird. Viele sind nur angelernt oder schon älter.

„Deshalb sagen die Kollegen: Wir bleiben hier. Wir wollen nicht zu unseren Familien gehen und ihnen erklären müssen, dass wir sie nicht mehr ernähren können.“

Was ihn wütend macht, ist, dass die Bosse den Hals nicht voll genug kriegen: „Man sagt uns, wir sollen flexibel sein. Wir haben zuerst im 2-Schicht-System gearbeitet, dann 3, mittlerweile sind es 4 Schichten. Wir haben auch angeboten, 20 Stunden im Monat unbezahlt länger zu arbeiten. Zeit, die wir von unseren Familien, unseren Kindern nehmen. Das hätte 15 Millionen Euro Einsparung gebracht. Aber Electrolux ist das nicht genug.“

Das Zugeständnis hat Straberg abgelehnt. „In unserer Branche reicht es nicht, die Löhne um 20 oder 30 Prozent zu senken“, erklärte er schon vor Monaten.

Die Gruppe der Arbeiter macht Platz, damit ein Kollege Brennholz nachlegen kann. Davon gibt es genug. Jeden Tag bringen die Nürnberger den Streikenden neues vorbei. In der Nähe des Streikzeltes stapeln sich Unmengen Holzpaletten, die Kollegen des Kabelherstellers Nexans per LKW herangeschafft haben.

Auch das wärmt: die große Solidarität der Bevölkerung und der Kollegen anderer Betriebe. Die Streikenden werden mit Essen und Trinken versorgt. Manche holen ihre Brieftasche raus und spenden für die Streikkasse.

Jeden Tag kommen Delegationen aus anderen Betrieben: Bosch, Siemens, Wacker, MAN, Infineon und viele weitere. Im Streikzelt hängen zwei Wände voll mit Solidaritätsschreiben aus dem ganzen Land.

Autofahrer grüßen mit der Hupe die Streikenden, die an der Gebäudeseite zur viel befahrenen Fürther Straße stehen. Passanten winken und rufen aufmunternde Worte. „Die Solidarität der Bevölkerung baut uns alle auf.“ Ahmet lächelt und bittet Linksruck: „Schreibt unbedingt in eurer Zeitung, dass wir uns bei allen für die Unterstützung bedanken!“

Die Kampfbereitschaft der AEGler und die große Solidarität haben die Bosse überrascht. Andere Werke sind auf Teile aus Nürnberg angewiesen. Außerdem kaufen viele Leute keine Electrolux-Produkte mehr, aus Protest gegen die Schließung des Werks. Das Management musste zugeben, dass der Konzern die Umsatzeinbußen von 40 Prozent in Deutschland spürt.

Der Streik ist zum Symbol des Widerstands gegen ein System geworden, das den Aktienkurs in die Höhe schnellen lässt, wenn Arbeitsplätze vernichtet werden. Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Linksfraktion, rief den Arbeitern beim Streik zu: „Der Kapitalismus hat eine hässliche Fratze und ihr erlebt es jetzt wieder, wenn es um eure Existenzbedingungen geht, und euer Kampf ist deshalb beispielhaft für viele andere Kämpfe, die in Deutschland ausgetragen werden.“

Betriebsrat Kaya Hüseyin erklärt, dass es um mehr geht als die Existenz der AEGler in Nürnberg: „Wir streiken nicht nur für uns, sondern für alle Arbeiter, die von Entlassungen und Werksschließungen bedroht sind.“

Ein Kollege, der Geschirrspüler fertigt, ergänzt: „Hier bei uns ist die Frontlinie. Andere Unternehmen, warten nur darauf, dass wir verlieren. Wenn unser Werk geschlossen und die Schließung zu billig wird, machen die anderen Unternehmen es genauso wie Electrolux.“

Der 54-jährige mit der Statur eines Bären richtet sich zu voller Größe auf und betont: „Ich bin zwar betroffen, aber auch zufrieden. Bisher mussten die Arbeitnehmer einstecken, aber jetzt werden die Unternehmer bestraft. Das ist Gerechtigkeit.“


von Frank Eßers (E-Mail)




Linksruck Nr. 214, 1. Januar 1970





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