Firmenpleiten, Börseneinbruch und Entlassungswellen:

Kapitalismus funktioniert nicht

Während im Irak der Krieg tobt, verdüstert sich weltweit die wirtschaftliche Lage. Ursache der Krise ist jedoch nicht der Krieg, sondern die Funktionsweise des Kapitalismus.

"Im schlimmsten Fall droht Weltrezession", so der Chef der "Wirtschaftsweisen" Wiegard. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) sieht für Europa "das Gesamtbild eher düster" und hat die Wachstumsprognose für Deutschland auf 0,4 Prozent gesenkt.
In den letzten Wochen haben die Börsen der Welt gewaltig geschwankt. Die Aktienkurse der großen Unternehmen lagen durchschnittlich nur noch bei der Hälfte ihres Wertes vom März 2000. In Europa und Nordamerika sind eine Reihe großer Konzerne vom Bankrott bedroht – und ihre Arbeiter von Massenentlassungen.
Unter ihnen sind zum Beispiel die US-Fluglinie Air America und der Stahlriese Corus, der nun 25.000 Entlassungen angekündigt hat. Mehr als 1 Million Menschen haben in den USA letzten Monat ihre Arbeit verloren. Die Financial Times schreibt, die Aussichten für die größten europäischen Industrieunternehmen wären selten trostloser gewesen.
Auf dem ganzen Kontinent haben die großen Konzerne Probleme, ihre Aktien zu verkaufen, um Schulden bezahlen zu können. Der Krieg verschärft die Krise noch.
Aber der Krieg hat die schärfer werdende Krise nicht ausgelöst. Das wirtschaftliche Chaos wird auch nicht enden, wenn der irakische Widerstand zusammenbricht und die großen Konzerne wieder auf billigere Ölpreise anstoßen können. Der letzte Krieg der USA gegen den Irak war nach wenigen Tagen vorüber und die Ölpreise fielen rasch auf ihr Vorkriegsniveau. Die damalige Wirtschaftskrise dauerte in den USA noch ein Jahr, drei Jahre in Großbritannien, und in Japan ist sie bis heute nicht überwunden.
Die Ursachen der Krise liegen in den Widersprüchen des Kapitalismus. In jedem Wirtschaftsaufschwung behaupten Politiker, die Marktwirtschaft habe ihre Krisen endgültig überwunden. Das hieß es sowohl in den 20ern, während des Wirtschaftswunders in den 50ern und wieder, als die New Economy gefeiert wurde und sich jeder in Deutschland mit einem Computer selbstständig machen sollte. Jede dieser Phasen endete mit einem wirtschaftlichen Abschwung.
Das passierte, weil alle möglichen Firmen weit mehr Produkte auf den Markt geworfen haben, als verkauft werden konnten. Gleichzeitig führten Lohnsenkungen dazu, dass die Menschen immer weniger kaufen konnten. Die Unternehmen konnten den Arbeitern nicht mehr zahlen, weil sie damit ihre Profite beschnitten hätten und dann im Wettbewerb zurückgefallen wären.
Der Aufschwung hätte nur weitergehen können, wenn die Unternehmen immer weiter in Ausrüstung und Maschinen investiert hätten. Dazu sind Manager aber nur bereit, wenn dadurch neue Profite in Aussicht stehen. Sobald diese Aussicht fraglich erscheint, brechen Investitionen und damit das Wirtschaftswachstum zusammen.
Seit 1997 fälschen immer mehr große Firmen ihre Bilanzen. Nur so können sie ihre Aktienkurse steigern und die Reichen dazu bringen, ihnen ihr Geld anzuvertrauen. Enron und WorldCom sind die bekanntesten Beispiele für solchen Betrug, aber keine der großen Firmen kam ohne falsche Erfolgsmeldungen aus.
Gewaltige Summen wurden in vermeintlich profitable Waren gesteckt, die niemand je brauchen wird. Mehr als 90 Milliarden Euro wurden verschwendet, um Telekommunikationsnetze zu verlegen, die jetzt nur zu 10 Prozent ausgelastet sind. Sobald der Abschwung beginnt, macht der freie Markt alles immer schlimmer. Unternehmen reagieren auf die einsetzende Krise, indem sie einige Arbeiter entlassen und die anderen für weniger Geld schwerer arbeiten lassen.
Die Arbeitslosigkeit führt dazu, dass die Nachfrage nach den Produkten anderer Firmen nachlässt und diese wiederum Arbeiter entlassen. Praktisch werden Arbeiter dazu gebracht, weniger zu kaufen, weil zuviel hergestellt wird!
Das passiert in den USA, in Europa und Japan mittlerweile seit zwei Jahren. In Großbritannien und den USA haben die Menschen sich wegen des Einbruchs ihrer Einkünfte hoch verschuldet. In beiden Ländern steigen die Grundstückspreise und somit die Mieten, weil die Reichen statt in die unprofitable Industrie, in Grundstücke investieren.
Zurzeit haben viele Menschen Angst, ihre Schulden nicht mehr abbezahlen zu können. Der Verkauf von Verbrauchsgütern, sogar von Lebensmitteln, geht zurück. Politiker und Wissenschaftler geben Erklärungen ab, die alles nur noch schlimmer machen.
Sollte der Krieg gegen den Irak rasch beendet werden, könnten die Reichen es für möglich halten, durch Investitionen wieder Profite erzielen zu können. Das könnte zu einer kurzen Erholungsphase führen, bevor eine weitere Krise beginnt.
Aber die Investoren könnten auch in Panik geraten und zum Beispiel in Gold anlegen. Dann würde sich die Krise ausweiten. Dies könnte auch passieren, wenn bekannt würde, dass die großen Banken und Industrieunternehmen weit tiefer verschuldet sind, als sie bisher zugegeben haben. Das liegt vor allem an deren Spekulation mit Aktien und anderen Papieren, deren Umfang sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt hat.
Die US-Wirtschaft ist von massiven Kapitalzuströmen aus dem Rest der Welt abhängig. Wenn die Angst vor den Auswirkungen des Krieges zu einem weiteren Wertverlust des US-Dollar führt, könnte ausländisches Kapital massenhaft aus den USA abgezogen werden.
Die Reaktion von Rot-Grün ist, "Modernisierungen” durchzuführen. Gemeint ist, dass in den Unternehmen weniger Menschen mehr arbeiten. Damit sie dazu gezwungen werden können, müssen die Mitspracherechte der Belegschaften und die tariflichen Arbeitsverträge beschnitten werden. Alle Parteien fordern, die öffentlichen Ausgaben zu senken. Dadurch fällt aber auch der Staat als Kunde vieler Industriezweige – wie zum Beispiel dem Baugewerbe – weg, und die Verkleinerung des öffentlichen Dienstes schafft noch mehr Arbeitslose. Die rot-grüne Politik löst die Krise nicht, sondern wälzt sie auf den Rücken der Arbeiter ab.


Linksruck Nr. 151, 1. Januar 1970





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