Die Wolke:

Tschernobyl liegt in Deutschland

Schriftstellerin Gudrun Pausewang über die Verfilmung ihres Buches „Die Wolke“, die gerade in den Kinos läuft.

Wie sind Sie 1987 auf das Thema der atomaren Katastrophe von „Die Wolke“ gekommen?

Noch fünf Minuten vor der ersten Tschernobyl-Katastrophenmeldung in den Medien habe ich nicht im Traum daran gedacht, über dieses Thema zu schreiben. Aber als die Meldungen über Tschernobyl Tag für Tag reinkamen, haben wir die Folgen der Katastrophe auch hier in Deutschland registriert. Die Kinder durften nicht mehr in den Sandkästen spielen, die Bauern mussten das Frühjahrsgemüse unterpflügen, weil es verseucht war und vieles mehr.

Da habe ich mir natürlich mit meiner lebhaften Phantasie gedacht, wie sähe denn so eine Katastrophe aus, wenn sie nicht 1500 Kilometer von unseren Landesgrenzen entfernt, sondern mitten in unserer dicht besiedelten Bundesrepublik stattfände?
Das hat mich sehr bewegt und ging mir unter die Haut. Ich dachte, eigentlich muss man vor einer solchen Katastrophe warnen.

Im Grunde genommen haben Sie die Frage, worum genau es in ihrer Erzählung geht, schon beantwortet…

Ich möchte deutlich machen, was für eine Gefahr von unseren Atomkraftwerken ausgeht. Natürlich ist mir klar, dass unsere deutschen Atomkraftwerke sicherer sind als zum Beispiel weißrussische, ukrainische oder russische. Aber absolut sicher ist nichts.

Das hat man ja auch bei dem Unfall im Atomkraftwerk Harrisburg in den USA gesehen. Also auch dort, wo man eigentlich eine sehr große Sicherheit vermuten könnte, wäre fast eine Riesenkatastrophe passiert.

Ich möchte davor warnen und versuche, schon jungen Menschen klar zu machen, was unter Umständen für eine Katastrophe auf uns zukommen könnte. Wenn so etwas passieren würde wie in Tschernobyl, wäre das in unserem dicht besiedelten Land noch viel schlimmer. Es hätte viel größere Folgen als in einer dünn besiedelten Gegend wie der Ukraine oder Weißrussland.

Das Interessante am Buch ist nicht nur die Katastrophe, sondern auch, wie sich danach die Gesellschaft verändert. Ein großes Thema.

Sie beschreiben eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, die Energiekrise, den Lebensmittelnotstand, dass die Grenzen dicht gemacht werden. Ist dieses Szenario realistisch?

Ich halte das Szenario, das ich in meinem Buch beschreibe, für sehr realistisch. Ich schreibe ja nicht aus purer Phantasie, sondern habe ähnliche Zeiten noch ganz bewusst miterlebt.

Unmittelbar nach dem Krieg, als die Flüchtlinge und die Vertriebenen in die Regionen kamen, wo sie nun untergebracht werden sollten, gab es auch ein Zwei-Klassen-System. Da waren die Alteingesessenen, die zwar auch Verwandte verloren hatten durch den Krieg. Vielleicht waren sie auch ausgebombt, aber insgesamt haben sie doch das bessere Los gezogen gegenüber den Ausgewiesenen zum Beispiel aus dem Sudetenland oder aus Schlesien, die gar nichts mehr hatten.

Das Zwei-Klassen-System wird sich in jeder großen Notlage deutlich entwickeln. Und man kann jetzt schon, obwohl noch keine Katastrophe passiert ist, aber wir insgesamt ärmer werden, beobachten, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander klafft.

Sie wollen mit dem Buch nicht nur aufklären und aufrütteln, sondern auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft wecken. Wer oder was sind die Träger der Hoffnung?

Die Hoffnung in „Die Wolke“ liegt darin, dass alle, die die Folgen der Katastrophe miterleben, merken: So geht’s mit unserer Gesellschaft nicht weiter. Wir müssen vielmehr zwischenmenschliche Beziehungen bilden für ein soziales Netz, das in solchen Situationen die Menschen auffängt und sie nicht isoliert und allein lässt.

Vor allem aber besteht die Hoffnung darin, dass man endlich begreift: Es muss auf andere Energie-Gewinnungsmöglichkeiten ausgewichen werden. Dieses Risiko, das noch für Generationen danach furchtbare Folgen haben würde, muss verschwinden.




Linksruck Nr. 217, 1. Januar 1970





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