Boykott kann keinen Krieg stoppen

Einige Antikriegsaktivisten schlagen vor, US-Waren zu boykottieren. Doch eine Massenbewegung auf der Straße kann viel mehr erreichen.

Der Berliner Kardinal Sterzinsky befürwortet den Boykott von US-Produkten als "Zeichen" gegen den US-Krieg im Irak. Auch einige globalisierungskritische attac-Aktivisten unterstützen den Vorschlag. Auf ihrer landesweiten E-Mail-Liste steht, ein umfangreicher Boykott würde das US-Handelsbilanzdefizit derart vergrößern, dass die US-Regierung "keine imperialistischen Abenteuer mehr finanzieren" könne.
Vorbild ist der Boykott von Shell 1995, wodurch der Konzern auf die geplante Versenkung der verseuchten Ölplattform Brent Spar im Meer verzichten musste. Greenpeace-Aktivisten konnten damals in einer nachrichtenarmen Zeit durch die Besetzung der Plattform die Aufmerksamkeit der Medien auf das Problem lenken.
Viele Menschen empörten sich über Shell und tankten nur noch an anderen Zapfsäulen. Der Konzern stellte eine Kostenberechnung an und gab schließlich nach.
Dieser Boykott wurde praktisch durch Fernsehen und Zeitungen geführt. Es war eine besondere Situation, weil es um ein besonders schweres Verbrechen eines einzelnen Konzerns ging, der enormen Gewinn durch den Verkauf von Benzin an Millionen Menschen erzielt.
Heute mobilisiert die US-Regierung eine riesige Militärmaschine, um ihre weltweite Herrschaft durchzusetzen. Allein der erste vom US-Kongress bewilligte Kredit für den Krieg ist deutlich größer als das jährliche Bruttosozialprodukt des Irak.
Die Wirkung eines Boykotts von US-Waren wäre angesichts dieser Finanzmittel minimal. Ein anhaltender Widerstand der Iraker gegen die Besatzer kann die US-Handelsbilanz viel stärker belasten.
Außerdem müsste ein Boykott wegen der wirtschaftlichen Stärke der US-Konzerne eine nahezu unendliche Liste von Produkten umfassen. Auf der E-Mail-Liste von attac waren allein 150 weit verbreitete Alltagsprodukte aufgeführt – vom Schokoriegel bis zum Toilettenpapier.
Doch selbst diese Liste ist nur ein willkürlicher Ausschnitt. Genauso könnte man vorschlagen, den Kapitalismus zu "boykottieren", um ihn endlich loszuwerden.
Aber ein Boykott wäre nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Der Boykott wurde hauptsächlich im Sitzen geführt – vor dem Fernseher und im Auto. Eine Massenbewegung, wie wir sie heute gegen den Krieg im Irak haben, konnte so nicht aufgebaut werden.
Die Bewegung gegen den Krieg ist zu einem weltweiten Aufstand geworden, als am 15. Februar der größte Protesttag der Geschichte organisiert wurde. In Deutschland haben die Gewerkschaften bereits zehn Minuten gestreikt, in Spanien und Griechenland dauerten die Streiks wesentlich länger. In Italien streikten am 3. April 1 Million Arbeiter den ganzen Tag gegen den Krieg. Solche Proteste können die Kriegsmaschine stoppen.
In dieser Situation über den Einkaufswagen im Supermarkt zu diskutieren, würde die Probleme der Kriegstreiber sogar verringern. Denn bei Boykotten bleiben die Menschen immer vereinzelt, ihr Protest ist unsichtbar und droht totzulaufen, weil es keine Chance gibt, die Kriegstreiber unter Druck zu setzen.
Doch selbst wenn man einen Boykott gegen US-Konzerne versuchte, wäre es schwierig, diese zu benennen. So hat Autokonzern DaimlerChrysler seine Zentralen sowohl in Stuttgart, Deutschland als auch in Auburn Hills, USA.
Tatsächlich ist die Globalisierung des Kapitalismus so weit voran geschritten, dass sogar die Boykottaktionen von Kriegstreibern in den USA gegen scheinbar französische Waren die US-Wirtschaft treffen: Das Mineralwasser Evian gehört zu 51 Prozent Coca-Cola aus Atlanta, USA.
Dass Kriegsbefürworter zum Boykott französischer Konzerne aufrufen, zeigt noch eine Gefahr: Ein Boykott US-amerikanischer und britischer Waren könnte schnell zu einer Unterstützung deutscher Konzerne verkommen. Auf der E-Mail-Liste von attac hat jemand bereits eine Liste von Unternehmen veröffentlicht, "die nicht in amerikanischer Hand sind und auch eine gewisse Standhaftigkeit gegen Übernahmen ausüben."
Nun wird die Welt aber kein bisschen besser, wenn wir keine Medikamente von Pfizer aus New York, USA kaufen, stattdessen aber von Bayer aus Leverkusen. Schließlich hat der deutsche Konzern mit Lipobay ein Medikament herausgebracht, das Menschen umbringen kann, statt sie gesünder zu machen. Aldi aus Essen, Deutschland versucht genauso alle Gewerkschaftsmitglieder zu entlassen wie Wal-Mart aus Bentonville, USA.
Nach dem Boykott wegen Brent Spar gab es 1995 einen weiteren Boykottaufruf gegen französische Produkte, weil der französische Präsident Chirac Atombomben testen wollte. Gegen die Atommacht konnte der Boykott aber nichts ausrichten.
Hingegen musste der französische Ministerpräsident Juppé im folgenden Jahr zurücktreten, nachdem im Dezember 95 gegen Juppés Kürzungspläne die größten Streiks seit 1968 geführt wurden. Auch heute müssen wir eine Massenbewegung und letztendlich Streiks aufbauen, um das Massenmorden der US-Regierung zu stoppen.

von Frank Renken




Linksruck Nr. 151, 1. Januar 1970





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