„Die Ursache von Gewalt ist soziale Ausgrenzung“

Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne erklärt im Interview mit Linksruck, warum wir ein anderes Schulsystem und mehr Geld für Bildung brauchen.

Von den Schülern, die letztes Jahr an der Rütli-Schule einen Abschluss gemacht haben, hat kein einziger einen Ausbildungsplatz bekommen

In der Schuldebatte hat Familienministerin von der Leyen einen Wertegipfel für ein „Bündnis für Erziehung“ unter Einbeziehung der katholischen und evangelischen Kirche vorgeschlagen. Was hältst du davon?

Deutschland ist kein Gottes-, sondern ein säkularer Staat, dessen Wertesystem auf den universellen Menschenrechten aufgebaut ist. Deshalb ist es falsch, dass die anderen großen Religionsgemeinschaften in Deutschland, aber auch Jugendliche, Eltern, Erzieher und Lehrer zu diesem Treffen nicht eingeladen worden sind. Damit sendet der Wertegipfel leider ein Signal der Ausgrenzung, nicht der Integration.

Konservative behaupten, die Gewalt an der Rütlischule in Berlin-Neukölln belege das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft.

Das ist bewusst irreführend. An den Hauptschulen spiegelt sich ein Konflikt zwischen Arm und Reich, nicht in erster Linie zwischen ethnischen Gruppen. Die Ursache der Gewalt ist soziale Ausgrenzung, die zu Frustration und schließlich Aggression führt.
Probleme mit Gewalt gibt es nämlich auch in strukturschwachen Regionen, in denen kaum Migranten wohnen. Nehmen wir die sächsische Schweiz in Ostdeutschland, wo sich Jugendliche ohne Job und Perspektive rechtsextremen Gruppen zuwenden und ihren Frust an Schwächeren, nämlich Einwanderern und Andersdenkenden auslassen.
Die Mehrzahl der Hauptschüler in den Ballungsgebieten hat keine Perspektive, einen Ausbildungsplatz zu ergattern. Rund 20 Prozent der Jugendlichen in Deutschland bekommen keine Chance, den Lebensunterhalt durch eigene Hände Arbeit zu verdienen. Migrantenkinder sind besonders betroffen. Das Beispiel der Rütli-Schule zeigt, dass das nicht gut gehen kann.

Politiker der Union sagen, dass die mangelnde Bereitschaft von Migranten Deutsch zu lernen Ursache der schlechten Ergebnisse von Migrantenkindern ist. Bundesinnenminister Schäuble fordert Sanktionen bis hin zur Ausweisung für „Integrationsunwillige“.

Diese Zwangsmaßnahmen sind purer Unsinn. Das Bundesinnenministerium unter Schäuble will die Mittel für Basis- und Aufbausprachkurse für Ausländer und Zuwanderer um 67 Millionen Euro kürzen. Das zeigt, wer hier „integrationsunwillig“ ist.
Je früher mit dem Erlernen einer Sprache angefangen wird, desto leichter haben es die Kinder. Das heißt, schon die Frühförderung in der Kita ist entscheidend. Für Verbesserungen brauchen wir zusätzliche Mittel. Angesichts der Kürzungen ist aber zu befürchten, dass nichts passiert.
Grundsätzlich halte ich es für wirklichkeitsfremd, Millionen Menschen die Tür in diese Gesellschaft zuzuschlagen, ihnen keine berufliche Perspektive zu geben, nur weil ihre Sprachkenntnisse nicht perfekt sind.
Nehmen wir das Beispiel der Russlanddeutschen aus Kasachstan, die ja deutsche Staatsbürger sind. Diese Einwanderer sprechen normalerweise wenig bis gar kein Deutsch. Sie werden es, gerade wenn sie älter sind, auch nicht so schnell lernen und teilweise nie richtig beherrschen. Sollen wir diesen Menschen jetzt sagen: „Ihr habt in dieser Gesellschaft nichts zu suchen“?. So schaffen wir ein Heer von Ausgegrenzten, mit allen negativen Folgen.
Aber genau das ist momentan gängige Praxis. Russlanddeutsche Jugendliche, die sich um einen Ausbildungsplatz bemühen, werden oft mit der Begründung ablehnt, sie seien aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht „ausbildungsreif“. Das dann einzelne Jugendliche frustriert sind und durchdrehen, wundert mich nicht.
Wir müssen uns mit den Realitäten auseinandersetzen und überlegen, wie wir auch diejenigen mitnehmen, die nicht gut deutsch sprechen. In einigen US-Bundesstaaten, in die viele Zuwanderer aus Mittelamerika kamen, wurde Spanisch als zweite Amtssprache eingeführt. So ist sicher gestellt worden, dass die Migranten ins gesellschaftliche Leben starten können. Dieses Verständnis von Integration als Zugehen auf die Menschen, die zu uns kommen, ist notwendig.

Die GEW fordert die Abschaffung der Hauptschule zugunsten einer Einheitsschule. Warum?

Wir brauchen ein integratives Schulsystem, das alle Schüler nach ihren Fähigkeiten individuell fordert und fördert. Ein System, das Menschen nach bestimmten Normen aussortiert, ist kontraproduktiv.
Die Grundstruktur des gegliederten Schulwesens stammt aus der Preußenzeit vor dem Kaiserreich. Ihm liegt ein völlig unwissenschaftliches Verständnis von Intelligenz zugrunde: Intelligenz sei statisch. Dabei entwickelt sich Intelligenz in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und entsprechend flexibel. Dieser Prozess kann und muss gefördert werden.
Es gibt Kinder, die anfangs in der Schule keine Probleme haben, aber aus den unterschiedlichsten Gründen bekommen. Zum Beispiel, wenn sie durch die Scheidung der Eltern eine soziale Veränderung verkraften müssen. Andere sind „Spätzünder“, die ihr Potenzial langsam entwickeln. Das Schulsystem muss diesen Unterschieden gerecht werden und individuell auf den aktuellen Entwicklungsstand der Schüler eingehen.
Das heißt auch, die unsinnige Praxis aufzugeben, Schüler bei schlechten Leistungen zu bestrafen und sie zum Beispiel durch Sitzenbleiben und Schulwechsel des Feldes zu verweisen. Wenn ein Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt in Mathe und Französisch nicht klarkommt, dürfen wir ihn dafür nicht bestrafen, sondern müssen dafür sorgen, dass er klarkommt, etwa mit Hilfe zusätzlicher Förderung.
Die Kinder können nichts dafür, wenn sie in eine schlechte soziale Situation geboren werden. Aufgabe der Schule ist, diese unterschiedlichen Startbedingungen durch Förderung auszugleichen. Stattdessen werden die Unterschiede im gegliederten Schulsystem durch das Aussortieren zementiert. Den Beleg hierfür hat PISA geliefert. In keinem anderen Industrieland ist der Bildungserfolg so stark an den sozialen Status der Eltern gekoppelt wie in Deutschland.

Ist ein solcher Umbau des Schulsystems mit den jetzigen Mitteln machbar?

Nein, bei Weitem nicht, so lange es Dinge angeht, die Geld kosten. Die skandinavischen Länder haben ein besseres Schulsystem, das stärker auf die Förderung von Schülern ausgerichtet ist. Dort werden aber auch erheblich mehr Gelder investiert.
Würde der Anteil der Bildungsausgaben in den öffentlichen Haushalten in Deutschland auf den skandinavischen Stand angehoben, stünden für diesen Bereich jährlich 35 Milliarden Euro mehr zur Verfügung.
Dazu kommt ein erheblicher Nachholbedarf, um die Folgen der jahrelangen Unterfinanzierung zu beheben. Zum Beispiel müssen die Klassen kleiner werden, damit individuelle Förderung erleichtert wird. An den Hochschulen gibt es einen gewaltigen Investitionsbedarf. Die Gebäude müssen saniert, der unerträgliche Zustand, dass sich mehrere Hundert Studenten in eine Vorlesung zwängen, beendet werden.
In den vergangenen Jahren ist verstärkt Geld von unten nach oben umverteilt worden – weg vom Sozialstaat und damit auch der Bildung hin zu Unternehmen und großen Vermögen.
Die Steuersenkungen haben die finanziell besser Gestellten begünstigt und die öffentlichen Haushalte ausbluten lassen. Die Vermögensteuer und die Gewerbekapitalsteuer wurden gestrichen. Der Spitzensteuersatz drastisch gesenkt und Unternehmensgewinne steuerfrei gestellt. Während der Staat den Spitzenverdienern und Vermögenden Steuergeschenke in Milliardenhöhe macht, schimmeln an unseren Schulen die Wände, finden junge Mütter und Väter für ihre Söhne und Töchter keinen Kindergarten-Platz. Das ist die soziale Wirklichkeit in unserem Land.
Um Verbesserungen im Bildungswesen zu erreichen und Perspektiven für Kinder und Jugendliche zu eröffnen, muss die Verteilungsrichtung umgekehrt werden. Auch wenn CDU und SPD jetzt viel über Bildung reden – angesichts von Ankündigungen wie einer weiteren Senkung der Unternehmensteuer steht zu befürchten, dass die Regierung nichts in dieser Richtung übernimmt.
Deshalb ist die Frage nach einem besseren Bildungssystem eine Frage der Veränderung der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu Gunsten der Bildung.


Ulrich Thöne ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Linksruck Nr. 218, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de