Die Kalte Kriegerin

Merkel kritisiert Irans Atomprogramm. Doch auch deutsche Atompolitik dient militärischen Zwecken.

Es gebe die „berechtigte Befürchtung“, dass Irans Atomprogramm nicht der friedlichen Nutzung, sondern militärischen Optionen diene, sagte Kanzlerin Merkel auf der letzten „Sicherheitskonferenz“ der NATO in München. Sie wirft dem Iran vor, was Deutschland seit Jahrzehnten tut:

Beispiel 1: In Deutschland wird in industriellem Maßstab Uran angereichert – genau das soll dem Iran verwehrt bleiben. Im Forschungsreaktor Garching bei München wird mit hoch angereichertem Uran gearbeitet, das zur Herstellung von Atomwaffen verwendet werden kann. Die Anreicherungsanlage des deutsch-britisch-niederländischen Urenco-Konsortiums in Gronau/Westfalen wurde vor kurzem sogar ausgebaut.

Beispiel 2: Auf US-Militärbasen in Deutschland lagern 150 Atombomben. In Ramstein sind es 130, weitere 20 in Büchel in der Eifel. Präsident Bush hat die US-Militärdoktrin dahingehend geändert, dass die USA sich nun auch Erstschläge mit Atomwaffen vorbehalten. Auch Bundeswehrpiloten trainieren im Rahmen der NATO Atombombenabwürfe.

Beispiel 3: Merkel stellte sich hinter Frankreichs Präsident Chirac, als dieser dem Iran Anfang des Jahres mit einem nuklearen Angriff drohte. Als wenn wir mitten im Kalten Krieg stecken würden, sagte sie: Es gehe um „Abschreckung“ und die Militär-Doktrin müsse entsprechend geändert werden.

Beispiel 4: Deutschland liefert Atomtechnologie in alle Welt. Den verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan hat Deutschland geholfen, die Bombe zu bauen. Seit 1974 regelt ein deutsch-indisches Rahmenabkommen die Zusammenarbeit mit dem Kernforschungszentrum Karlsruhe und der Forschungsanlage in Jülich. Im gleichen Jahr konnte Indien mit deutscher Hilfe den ersten Atomtest durchführen. Das Plutonium lieferte ein kanadischer Natururanreaktor, das dafür nötige schwere Wasser kam von der deutschen Firma Hempel. Pläne und Know-How kamen von der Neue Technologie GmbH, ebenfalls aus Deutschland.
Das Kernforschungszentrum Karlsruhe bildete auch für Pakistan Wissenschaftler aus. Der Vater der pakistanischen Atombombe, Abdul Quadeer Khan, arbeitete von 1972 bis 1975 in der Urananreicherungsanlage Almelo, einem deutsch-britisch-niederländischem Projekt. Die Vakuumpumpen für die pakistanische Einheit lieferte dann die deutsche Firma Leybold Heräus, die Uranhexafluoridanlage beschafften Ingenieure von CES-Kalthoff, die Tritiumanlage brachte die Neue Technologie GmbH. Siemens inspizierte 1986 den pakistanischen Natururanreaktor und schulte Fachleute.


von Frank Eßers (E-Mail)




Linksruck Nr. 220, 1. Januar 1970





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