Mehr zahlen – weniger lernen

Gebühren und neue Studiengänge krempeln die Unis um. Die Studierenden verlieren dadurch, meint Jan Maas.

Kommentar: Praxis, aber anders

Viele Kritiker des neoliberalen Umbaus der Hochschulen lehnen die Verwertbarkeit der Lehrinhalte ab. Das Ideal des umfassend gebildeten Menschen aus der Aufklärung spiele keine Rolle mehr. Aber das Problem ist nicht die Verwertbarkeit der Lehrinhalte, sondern die Tatsache, dass sie im Rahmen des Kapitalismus verwertet werden.
Es gibt genügend Herausforderungen für Wissenschaft und Forschung: Angesichts des Klimawandels zum Beispiel die Entwicklung einer schadstofffreien Energiegewinnung. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Hochschulen vorrangig der Lösung solcher Probleme widmen könnten.
Doch die Lehrinhalte vieler Studiengänge orientieren sich nicht an der Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme, sondern an der Verbesserung betrieblicher, wirtschaftlicher oder verwaltungstechnischer Abläufe, die möglichst großen Profit abwerfen sollen.
Darum ist die Voraussetzung für eine Verwertung, die den Menschen dient, die Überwindung des Profitsystems – aber das können die Studierenden nicht alleine. Also muss linke Hochschulpolitik sowohl antikapitalistisch sein als auch das Bündnis mit Gewerkschaften und linken Parteien suchen.

Bis Ende 2007 werden über die Hälfte der Bundesländer Studiengebühren erhoben haben. Außerdem werden flächendeckend neue Studiengänge mit den Abschlüssen Bachelor und Master eingeführt.

Dieser neoliberale Umbau der Hochschulen zielt angeblich darauf, „die Absolventen optimal auf eine spätere Berufstätigkeit in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft vorzubereiten“, schreibt die Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Doch alles, was die Absolventen davon haben werden, sind Schulden und Stress.

Studiengebühren bedeuten Auslese. Schon jetzt erreichen nur 11 von 100 Kindern aus armen Familien die Zulassung an einer Hochschule, während es aus reichen Familien 81 von 100 schaffen. Studiengebühren werden das noch schlimmer machen, auch wenn der Bund dafür Kredite anbietet.

„Es ist ungerecht, wenn Studierende aus reichen Elternhäusern ein Studium problemlos finanzieren können, während junge Menschen aus einkommensschwachen Haushalten nach ihrem Studium vor einem immensen Schuldenberg stehen“, begründet die bildungspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Linken Nele Hirsch.

Auch ohne Gebührenlast von 1000 Euro im Jahr arbeiten bereits zwei von drei Studierenden während des Studiums – nicht nur während der Semesterferien –, um ihre Ausbildung zu finanzieren. Im Schnitt wenden sie dafür 14 Stunden in der Woche auf.

Die bisherigen Studiengänge verlangen einen Zeitaufwand von 20 Stunden in Lehrveranstaltungen und 20 Stunden mit Vor- und Nachbereitungen. So kommen viele heute schon auf eine 54-Stunden-Woche.

Nur ein Prozent der BAFöG-Empfänger können ihr Studium allein aus dem BAFöG finanzieren. Darum trägt auch die große Koalition Schuld an der Misere, meint Nele Hirsch: „Die Länder versperren den Zugang zur Hochschule durch die Einführung allgemeiner Studiengebühren; die Bundesregierung nimmt auch in diesem Jahr keine Anpassungen des BAFöG vor. Somit können sich immer weniger Studieninteressierte ein Studium leisten.“

Das hat Folgen: Zwar greifen die Gebühren erst ab 2007, doch die Zahl der neu hinzukommenden Studierenden sinkt bereits jetzt – obwohl die Zahl der Abiturienten steigt. 2006 fingen 3,5 Prozent weniger mit einem Studium an als im letzten Jahr. Und schon 2005 hatten 5,5 Prozent weniger angefangen als 2004.

Neu eingeführte Studiengänge verschärfen den Druck. Die bisherigen, etwa gleichwertigen Abschlüsse Diplom und Magister werden in einem EU-weiten Angleichungsprozess durch zwei gestaffelte ersetzt: den nach drei Jahren erreichbaren Bachelor (BA) und den darauf aufbauenden Master (MA), der in etwa den bisherigen Abschlüssen entsprechen soll.

Besonders das Bachelor-Studium unterscheidet sich stark vom bisherigen Hochschulstudium. Statt die Seminare weitgehend frei wählen zu können, bekommen die Studierenden die Inhalte zum großen Teil vorgeschrieben. Außerdem werden die Stundenpläne voller.

Dadurch wird es schwieriger, zu arbeiten. Der Druck, das Studium mittels Kredit zu finanzieren, steigt. Mehr Studenten werden sich verschulden. In Großbritannien, wo das schon lange üblich ist, verlässt der durchschnittliche Studierende die Uni mit 18.000 Euro Schulden.

Mit BA/MA wird ein Zwei-Klassen-Studium eingeführt. Der Bachelor soll eine „berufsbefähigende“ (BDA) Ausbildung sein, die den Bedarf nach Fachkräften deckt. Der Master als fächerübergreifendes Aufbaustudium dient der Ausbildung des wissenschaftlichen und des Führungspersonals.

Doch für ein Master-Studium müssen die Interessierten ein neues Auswahlverfahren bestehen und sich die Verlängerung leisten können. Angepeilt ist, dass jeder fünfte Bachelor auch einen Master macht.

Das Bachelor-Studium, das die BDA als „praxisorientierte Ausbildung“ preist, ist in Wirklichkeit das Gegenteil einer Jobgarantie. Wenn mehr Menschen kürzer studieren, bedeutet das, dass auf dem Arbeitsmarkt ständig eine ausreichende Zahl von Bewerbern verfügbar ist.

Da der Bachelor eine Spezialisierung bedeutet, treten die Absolventen in Konkurrenz um eine begrenzte Zahl in Frage kommender Arbeitsplätze, während sie an anderen Stellen des Produktionsprozesses nicht einsetzbar sind. Die Folge sind sinkende Löhne.

Die Einführung von Studiengebühren und BA/MA geht auf die Bosse zurück: „Die Arbeitgeber erwarten dabei für die Zukunft, dass die Absolventen praxisnäher und internationaler ausgebildet werden als heute, und dass die überlangen Studienzeiten zurückgeführt werden“, schreibt die BDA.

In Deutschland erreichen im internationalen Vergleich wenige Angehörige eines Jahrgangs einen Hochschulabschluss. Aber der Bedarf der Wirtschaft an Fachkräften steigt, je komplexer die Produktionsprozesse werden. Daher fordert die Deutsche Bank, dass der Anteil der Hochschulabsolventen von 23 auf 40 Prozent eines Jahrgangs steige.

Doch dafür wollen die Bosse nicht zahlen. Die staatlichen Hochschulausgaben gehen zurück. Während die Regierung 1975 noch über 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgab, waren es 2000 nur noch 0,85 Prozent. Das entspricht dem allgemeinen Interesse der Bosse, weniger Steuern zu zahlen.
Sie wollen statt dessen die Studierenden zur Kasse bitten und gleichzeitig einen neuen Markt für Bildung schaffen, an dem sie selbst verdienen können. Der Schuldenberg soll die Studierenden disziplinieren.

An den Unis führen sinkende Budgets dazu, dass sie sich um Sponsorengelder bemühen müssen, wobei verwertbare Institute und Forschungsprojekte größere Chancen haben.

Der neoliberale Umbau der Hochschulen ist die Agenda 2010 der Unis. Wie Hartz IV und 1-Euro-Jobs das Lohnniveau von unten herunter ziehen, so drücken Bachelorisierung und Schuldenangst es von oben hinunter. Hartz IV trifft das Lohnniveau vermittelt über die Erwerbslosen, der Umbau der Hochschulen trifft es vermittelt über die Studierenden.

Zugleich ist dieser Umbau ein wandelnder Widerspruch: Während alle fordern, dass mehr junge Menschen studieren sollen, führen Studiengebühren und BA/MA dazu, dass es immer weniger können. Die Folgen des Irrsinns tragen diejenigen, die in der Hoffnung auf vernünftige Arbeitsplätze trotzdem studieren und Schulden machen.


von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 225, 1. Januar 1970





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