Geld zählt mehr als Gerechtigkeit

Buch "Die Schuld":

Wie ein Anwalt vom Verteidiger von Armen zum Vertreter eines verbrecherischen Konzerns wird.

John Grisham: Die Schuld, Heyne, 2003, 450 Seiten, 25 Euro
Clay Carter ist vollkommen ausgebrannt. Dabei hatte der Absolvent einer angesehenen Universität sich seine Zukunft so schön ausgemalt. Nach dem Examen wollte er die Anwaltskanzlei seines Vaters übernehmen und mit teuren Prozessen viel Geld verdienen.
Doch als sein Vater die Kanzlei schließen musste, brauchte Clay schnell eine neue Arbeit und wurde Pflichtverteidiger im "Office of public defense". Dort vertritt er im staatlichen Auftrag Menschen, die zu arm sind, einen Anwalt selbst zu bezahlen. Meistens sind es arme Schwarze, die wegen Drogenhandel, Diebstahl oder Mord angeklagt werden. Während Clay früher glaubte, ein Jahr als Pflichtverteidiger würde seiner Karriere gut tun, wird ihm jetzt nach fünf Jahren klar, dass er wahrscheinlich sein gesamtes Arbeitsleben in einem fensterlosen Büro mit hoffnungslosen Fällen und miesem Gehalt verbringen muss.
Zu allem Übel will seine Verlobte Rebecca auch noch ein Kind von ihm und deren Vater, ein reicher, eingebildeter Bauunternehmer, lässt Clay ständig spüren, dass er nichts von ihm hält.
Auch wenn man nichts mit der Justiz zu tun hat, kann man sich leicht in den Anwalt hineinversetzen. Sein Beruf besteht aus Routine, Arbeitsdruck, bürokratischem Stumpfsinn und desinteressierten Vorgesetzten.
Doch Clays tristes Dasein wendet sich schlagartig, als ihm ein Pharma-Konzern ein Angebot macht, das der Anwalt nicht ablehnen kann. Schnell steigt er in die erste Liga der Anwälte für Sammelklagen auf und erhält atemberaubende Summen für seine Arbeit. Dabei hat er doch gar keine Ahnung vom Sammelklagengeschäft...
Die Annahme des verbrecherischen, aber einträglichen Angebots des Konzerns ist die logische Folge aus Clays Wunsch, zu den Reichen und Mächtigen zu gehören. Mit seiner neuen Arbeit verändert sich auch sein Charakter.
Autor John Grisham schafft es, den Leser in die Welt des großen Geldes und der großen Gier eintauchen zu lassen. Es ist eine Welt, in der Luxusyacht und Privatflugzeug noch lange nicht genug sind. Die Klienten werden nur als Geldquellen betrachtet, die es gilt, so kräftig wie möglich auszupressen.
Geschickt baut Grisham kleine Kapitel ein, die von den Mandanten erzählen von der Hoffnung auf Geld und der Verzweiflung und Wut nach abgewiesenen Klagen. Der einzige Zweck des Rechtsstaates ist der Machterhalt großer Konzerne und die Bereicherung weniger Top-Anwälte.
"Die Schuld" ist ein spannender Roman, der zeigt, dass es vor Gericht meistens ums große Geld geht und meistens nicht um Gerechtigkeit.


Linksruck Nr. 152, 1. Januar 1970





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