Wie gefährlich ist SARS?:

Öffentliches Gesundheitssystem ist entscheidend

Die Lungenkrankheit SARS breitet sich aus. Medien schüren Angst, Experten wiegeln ab. Der Münchener Arzt und Sozialist Tom Müller erläutert in Linksruck die Umstände der Epidemie.

SARS scheint zur Familie der Coronaviren zu gehören. Es scheint eine neue Form zu sein, die wahrscheinlich – so wie auch andere Grippeviren – von Tieren auf den Menschen übertragen wurde. Anscheinend wird es vor allem durch Speichel und Nasenschleim übertragen. Die Ansteckungsgefahr ist nicht so groß wie bei ähnlichen Infektkrankheiten, die schon durch das Niesen im selben Raum übertragen werden können.
Um sich mit SARS anzustecken, muss man anscheinend direkten Kontakt mit einer infizierten Person oder ihren Körperflüssigkeiten kommen. Man muss sie direkt berühren und nicht nur im selben Flugzeug oder Zimmer sitzen.
Dennoch ist die Ansteckungsgefahr real. SARS ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Rund einer von 150 Infizierten stirbt an ihr. Um die Krankheit einzudämmen, braucht man vor allem eine sehr gute öffentliche Gesundheitsversorgung.
Die Menschen an den Spitzen der Regierungen machen sich Sorgen. Sie fürchten die Auswirkungen der Krankheit auf das Geschäft. Der Bürgermeister von Toronto machte das sehr deutlich, indem er die Weltgesundheitsorganisation angriff, die vor einem Besuch der Stadt gewarnt hatte.
Aber die westlichen Regierungen reagieren auf SARS ganz anders als zum Beispiel auf Malaria, obwohl Malaria täglich 3.000 Menschen tötet – viel mehr als SARS.
Die Menschen, die an Malaria sterben, sind meistens arm und leben in armen Ländern. Mit Malaria steckt man sich nicht in den Zentren des globalen Kapitalismus an.
Die Reichen in den Ländern, wo Malaria vorkommt, können sich ebenso wie reisende Geschäftsleute aus dem Norden vor einer Ansteckung schützen. Sie haben Klimaanlagen in ihren Büros, Wohnungen und Hotels und können eine Menge gesundheitliche Vorsichtsmaßnahmen treffen.
SARS ähnelt eher der Cholera im London des 19. Jahrhunderts. Die Reichen können sich nicht in Quarantäne zurückziehen. Falls es eine SARS-Epidemie geben sollte, würden sie auch davon betroffen. Im 19. Jahrhundert führte diese Gefahr für die Reichen dazu, dass die Gesundheitssysteme in den Industrieländern ausgebaut wurden.
Wenn SARS in China außer Kontrolle geraten sollte, wäre es extrem schwierig, seine Ausbreitung nach Europa zu verhindern. Bei der Verbreitung der Krankheit spielen die öffentliche Gesundheitsversorgung und soziale Faktoren wie Bevölkerungsdichte und Zugang zu sanitären Einrichtungen eine wichtige Rolle.
Einer der schlimmsten Fehler in den von SARS betroffenen Ländern war, alle Erkrankten in Krankenhäuser einzuweisen. Auf diese Weise wurde der Ausbreitung der Seuche Vorschub geleistet. Für die meisten Infizierten wäre es besser gewesen, sie daheim unter Beobachtung zu behalten.
Mittlerweile jedoch werden viele richtige Maßnahmen ergriffen, und es wird viel Aufwand für die Eindämmung von SARS betrieben. Wir sollten uns fragen, warum nicht ebenso viel gegen Krankheiten wir Malaria, Tuberkulose oder AIDS getan wird.
In den Medien werden auch Rassismus und völlig unbegründete Ängste zum Beispiel vor chinesischen Restaurants geschürt. Wir haben Grund, wegen SARS besorgt zu sein. Aber wir brauchen eine öffentliche Debatte über Gesundheitsmaßnahmen und keine Panikmache der Zeitungen, die um die schockierendste Schlagzeile konkurrieren.

von Tom Müller




Linksruck Nr. 153, 1. Januar 1970





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