Kommentar: Der neue alte Imperialismus

Eines der blutigsten Wörter der Geschichte ist wieder da: Imperialismus.

Der Spiegel redet darüber. Die FAZ fordert ihn: "Mehr Imperialismus" verlangt Thomas Schmid im Titel des Kommentars einer Sonntagsausgabe der FAZ. "Amerikas demokratischer Imperialismus" habe sich im Irak durchgesetzt. Schmid empfiehlt der deutschen Regierung, diesen "imperialen Charakter der Aktion" hinzunehmen: "Eine halbwegs stabile Neuordnung des Landes kann nicht vom Prinzip der Selbstbestimmung geleitet sein."
Indem der Journalist das Selbstbestimmungsrecht der Iraker ablehnt, verlangt er eine koloniale Politik, wie sie die Großmächte Ende des 19. Jahrhunderts betrieben haben. "Imperialismus" bedeutete, dass zu großen Monopolen angewachsene Unternehmen auf den Weltmarkt drängten, den jedoch bereits Konkurrenten aus anderen Ländern beherrscht hatten. Die Großmächte begannen, sich militärisch immer größere Gebiete zu unterwerfen, die sie so dem Zugriff der Kapitalisten anderer Länder entzogen. Die Armeen der Länder führten blutige Kriege im Wettlauf um Kolonien, bis die gesamte Welt in "Einflusssphären" zwischen den europäischen Mächten, Japan und den USA aufgeteilt war.
Deutschland besaß als industriell spät entwickeltes Land auch erst später Kolonien als andere Mächte. Großbritannien und Frankreich hatten bis 1914 fast ganz Afrika unter sich aufgeteilt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. wollte diese "Benachteiligung" mit einer riesigen Armee ausgleichen. 1897 landeten deutsche Truppen in China und besetzten die Provinz Schantung. Dagegen haben die Menschen der Region einen Aufstand begonnen, der sich bald zum Krieg zwischen China und verschiedenen Kolonialmächten ausweitete.
Wilhelm II. forderte: "Peking muss regelrecht angegriffen und dem Erdboden gleichgemacht werden. (...) Pardon wird nicht gegeben." Die deutschen Truppen mordeten ohne Gnade. Ein Soldat schrieb: "Weder Weib noch Kinder wurden verschont. Ich sah an diesem Tag eher einem Metzger als einem deutschen Soldaten ähnlich."
Derartige Gräuel verübten alle Kolonialmächte. Der Massenmord und die Versklavung Einheimischer wurde von den kolonialen Regierungen derart häufig befohlen, dass "Imperialismus" jahrzehntelang ein Unwort war. Deshalb ergänzt Schmid seine imperialen Ziele heute mit Begriffen wie "Stabilisierung" und "demokratischer Imperialismus". Doch auch der Kolonialismus vor 100 Jahren wurde von den Tätern immer als gerecht beschrieben. Der britische Imperialismus sah darin die "Bürde des weißen Mannes", um den Schwarzen die Werte der Demokratie zu bringen. Wilhelm II. wollte angeblich bloß Gerechtigkeit und seinen "Platz an der Sonne" wie die anderen Herrscher auch.
Der französische Regierungschef in den 1880ern Ferry erklärte, der Kolonialismus drücke die Berufung Frankreichs als Geburtsland der universellen Menschenrechte und eine "zivilisatorische Mission" aus: "Die Frage hat eine humanitäre Seite." Diese Lügen sind den neuen Tönen aus den deutschen Zeitungen und Magazinen sehr ähnlich. So begeistert sich wie Schmid auch Jan Ross in der Zeit darüber, dass Amerika sich im Irak nicht "zu solchen Kraftakten imstande sehen [würde], wenn es nicht im Kern vom Wert seiner Sache und von der Universalität seiner Mission überzeugt wäre, davon, dass seine Ideale echt und allgemein gültig sind."
Die kolonialen Auseinandersetzungen der Großmächte vor 100 Jahren endeten im Gemetzel des Ersten Weltkriegs. "Mehr" deutscher Imperialismus, egal ob als Verbündeter der USA oder Frankreichs, wird ähnliche Auseinandersetzungen nur beschleunigen, mit unvorstellbar grauenhaften Folgen. Ein direkter Krieg, etwa zwischen der EU und den USA, erscheint heute nicht möglich. Doch genauso unwahrscheinlich schien vor wenigen Jahren noch der Zerfall der NATO in zwei gegnerische Staatenbündnisse mit entgegen gesetzter Außenpolitik. Der neue Imperialismus wird dem alten von Tag zu Tag ähnlicher.

von Frank Renken




Linksruck Nr. 153, 1. Januar 1970





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