Überleben und Sterben im Elendsviertel

Film "City of God":

Regisseur Fernando Meirelles erzählt vom Teufelskreis aus Armut, Drogen und Gewalt – aus Sicht derer, die ihn täglich erleben.

Polizisten, die sich durch Korruption bereichern, Achtjährige, die mit einer Pistole Hotelgäste überfallen, Halbwüchsige, die sich am helllichten Tag gegenseitig umbringen: Das Leben in den Slums von Rio de Janeiro ist hart. "City of God" umspannt knapp zwei Jahrzehnte in einem Armenviertel der Stadt.
Der Film schildert packend, wie Menschen, die von Geburt an in einer gewalttätigen Gesellschaft aufwachsen, selbst früh zur Waffe greifen müssen, um sich zu behaupten. Im Zentrum steht die Entwicklung dreier Männer von den späten 60ern bis zu den frühen 80ern: Dadinho (Löckchen), später Locke (L. Firmino da Hora) genannt, der Rios skrupellosester Drogenboss wird, Mané Galinha (Matheus Nachtergaele), der die Vergewaltigung seiner Freundin rächen und nicht eher ruhen will, bis er Locke getötet hat, und vor allem Buscapé (Alexandre Rodrigues), der davon träumt, Fotograf zu werden, und der so mit seiner Kamera die Geschehnisse festhält.
Alle drei wachsen im Slum Cidade de Deus (Stadt der Götter) auf und erleben, wie aus den Geschäften kleiner Räuberbanden durch die wachsende Armut im Laufe der Jahre grausame Bandenkriege entstehen, denen niemand im Viertel entfliehen kann. Locke erfährt schon als kleiner Junge, dass er nur als Verbrecher Ansehen und Wohlstand erreichen kann. Dazu muss er sich den Regeln des Slums unterordnen und seinen Platz in der Rangordnung erkämpfen. So wird er vom Laufburschen für Drogenhändler zum gefürchteten Mörder.
Mané und Buscapé wollen sich aus den Bandenkriegen raushalten und legal Geld verdienen, um niemanden zu gefährden. Doch sie merken schnell, dass es in einer Welt des Elends kaum möglich ist, der Gewalt zu entfliehen. Auch sie werden in den brutalen Kreislauf der Drogengeschäfte und Morde verwickelt – und sei es nur, weil sie alten Freunden helfen wollen, aus diesem Kreislauf zu entkommen. Wer nicht mitmacht, steht am Rand und hat keine Chance zu überleben.
Die Handlung wird über Rückblenden und Nebenschauplätze erzählt. Gedreht wurde an Originalschauplätzen. Die Darsteller sind überwiegend Laienschauspieler aus den Armenvierteln Rios.
Meirelles berichtet über die Dreharbeiten und seine Erfahrungen: "Da existiert eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft; ein Staat im Staat. Ich habe 46 Jahre lang in diesem Land gelebt, ohne jemals von diesen Jungs zu erfahren. Die Polizisten in Rio sind völlig korrupt. Ihnen ist egal, was innerhalb der Slums passiert. Sobald die Jungs jedoch die Favelas (Slums) verlassen, werden sie festgenommen. 18 Prozent der Bevölkerung Rios lebt in Slums. Dort dürfen sie tun, was sie wollen, aber die restlichen 82 Prozent der Stadt sind tabu."
"City of God" ist ein beeindruckender Film, der zeigt, wie eng Armut und Gewalt zusammenhängen.

von Clara Stattegger




Linksruck Nr. 154, 1. Januar 1970





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