Chile 1973 der andere 11. September

Vor 30 Jahren putschte in Chile die Armee mit Hilfe der USA gegen die gewählte sozialistische Regierung von Salvador Allende. Jan Maas sprach mit dem Augenzeugen Mario Nain.

Am 11. September jährt sich der Putsch des Generals Pinochet zum 30. Mal. Wo warst du am 11. September 1973?
In der Hauptstadt Santiago. Gegen 7 Uhr hörte ich von dem Putsch. Die Armee verhängte eine Ausgangssperre: Zivilisten durften nicht raus, nur Soldaten und andere Angestellte des Staates wie Feuerwehrleute.
Radio Magellanes war noch unter Kontrolle der Regierung. Dort hörten wir Präsident Allende bis etwa 11 oder 12 Uhr, danach erfuhren wir nichts mehr. Aber wir sahen Kampfflugzeuge und wir hörten Explosionen im Stadtzentrum.
Später fanden wir heraus, dass sie den Regierungssitz bombardiert hatten. Sie haben auch mit Hubschraubern das Privathaus Allendes beschossen und einige Elendsviertel und Fabriken, die von Arbeitern beschützt wurden.

An diesem Tag wurden Allende und viele andere Menschen ermordet. Was war deine erste Reaktion?
Totale Panik und Verwirrung. Ich war Mitglied der Sozialistischen Partei von Allende. Ich war sehr jung damals, 17 Jahre alt.
Auch in diesem Alter ist man politisch schon ziemlich reif, wenn man in armen Ländern lebt. Man muss für alles kämpfen. Ich bin in einem Elendsviertel geboren, in dem es keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Schule gab.
Das Militär riegelte die ganze Siedlung ab. 20.000 Menschen konnten weder raus noch rein. Sie gaben uns kurz Zeit zum Einkaufen. Dann gab es wieder eine Ausgangssperre. Buchstäblich jeden, der noch auf der Straße war, haben sie erschossen.
Einer meiner Nachbarn wurde an diesem Tag erschossen. Als wir endlich raus konnten, um ihn zu suchen, fanden wir ihn mit einer Menge Löcher im Rücken. Als wir ihn umdrehten, hatte er keinen Bauch mehr.

Die neue Diktatur verfolgte von Anfang an rücksichtslos alle Unterstützer der Allende-Regierung. In wenigen Tagen ließen die Generäle im Fußballstadion tausende ermorden. Wie bist du entkommen?
Ich habe mich versteckt. Ich war ein bekannter politischer Aktivist. Wie ich schon sagte, ich habe für meine Rechte gekämpft, zusammen mit meinen Freunden aus dem Viertel.
Während der Regierung Allendes haben die Bewohner der Elendsviertel sich sehr gut organisiert. Wir hatten sogar Komitees für die Verteilung von Nahrungsmitteln aufgebaut.
Die Menschen waren sehr solidarisch. Wenn jemand neu in die Siedlung kam und kein Haus hatte, haben alle zusammen ein Haus gebaut. Das war wirklich eine gemeinsame Leistung.
Dann wurde ich gefangen genommen. Ich war zweieinhalb Jahre im Konzentrationslager. Danach bin ich ins Ausland geflohen.
Der 11. September hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Es war nicht mehr die Normalität, die ich noch vom Tag vorher kannte. Innerhalb eines Tages herrschte komplettes Chaos.

Präsident Allende führte eine Volksfrontregierung. Das Bündnis Unidad Popular bestand aus der Sozialistischen Partei, der Kommunistischen Partei, der Radikalen Partei und kleinen linken Gruppen. Bei den Wahlen 1970 löste das Bündnis die Christdemokraten ab. Warum stürzte die Armee die Volksfrontregierung?
Die Armee wollte die revolutionäre Bewegung stoppen. In Chile war die Gesellschaft damals vollständig gespalten. Zwei Kräfte bekämpften sich täglich: Die Rechten, unterstützt von den USA und die Kräfte der Arbeiterklasse. Ihre Verbündeten waren die Bauern, die Bewohner der Elendsviertel und die Mapuche, das sind die Indianer in Chile.
Es wurde täglich gekämpft, mit Demonstrationen, Fabrikbesetzungen, Landbesetzungen durch die Bauern, Landbesetzungen durch Obdachlose, Kämpfe mit Faschisten, Kämpfe mit der Polizei. Im Juni 1972 gab es eine Art Doppelherrschaft, als die Arbeiter die Cordones Industriales aufbauten.

Die Cordones waren Räte, Organe der Selbstverwaltung. Sie wurden während einer Sabotageaktion der Transportunternehmer gebildet. In Chile fand die Versorgung vor allem über Landstraßen statt.
Ja, aber die Cordones waren auch der mögliche Beginn einer anderen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der Habgier und Profit verschwinden und die Menschen gemeinsam die Produkte und die Maschinen des jeweiligen Unternehmens besitzen.

Warum bedeutete das eine Doppelherrschaft?
Die Volksfrontregierung betrieb eine sehr milde Enteignung von Kapital. Sie wollte 150 vor allem in den Händen multinationaler Konzerne befindliche Betriebe enteignen und verstaatlichen.
Die Cordones waren etwas ganz anderes: Sie wollten keine Enteignung durch die Regierung, sondern eine Übernahme durch die Arbeiter. Die Unternehmen sollten demokratisch geführt werden. Es wurde diskutiert, was produziert wird, wo die Produkte hin sollen, ob nach den Bedürfnissen der Menschen produziert wird oder für die Gier nach Profit.

Warum war diese Doppelherrschaft für die Herrschenden gefährlich?
Wenn die Herrschenden nichts getan hätten, wäre die Revolution von der Theorie zu einer greifbaren Möglichkeit geworden.

Die Volksfront regierte, Arbeiter übernahmen Betriebe. Warum hat die Armee dennoch gewonnen?
Vor allem wegen der Politik der Volksfrontregierung. Sie meinte, es sei möglich, die Gesellschaft mit dem Parlament zu verändern. Die Regierung glaubte, dass die herrschende Klasse die demokratisch gewählte Regierung respektieren würde.

Hat Allendes "chilenischer Weg zum Sozialismus" die Cordones gebremst?
Genau. Darum ist Chile heute das klarste Beispiel dafür, dass die Gesellschaft nicht durch parlamentarische Diskussionen verbessert werden kann. Das einzige Mittel die Probleme zu lösen, wäre durch die Cordones Industriales selbst gewesen.

Du hast gesagt, dass die USA den Militärputsch unterstützt habe. Wie?
Kurz nach der Wahl 1970 hat die US-Regierung das "Komitee der 40" gegründet. Der Nationale Sicherheitsberater der USA Kissinger war der Stratege in diesem Team, das eine Strategie zum Sturz der chilenischen Regierung entwarf.
Als Allende sein Amt antrat, hat Kissinger den chilenischen General Schneider umbringen lassen, der die Volksfront unterstützte. Das war ein Einschüchterungsversuch. Die Politik des "Komitee der 40" war eine Mischung aus Terror, Bestechung, Sabotage und Aussperrungen. Die US-Regierung wollte keine sozialistische Revolution in Amerika zulassen.

Warum war Chile für die US-Regierung so wichtig?
Sie hält Lateinamerika für ihren Hinterhof, wo sich niemand rühren soll. Die USA haben immer wieder Guerilla-Bewegungen bekämpft: 1959 in Kuba, später in Nikaragua, El Salvador, Argentinien, Uruguay.
In Chile war die Situation anders. Das Zentrum der Revolution war nicht auf dem Land. Das Herz der revolutionären Bewegung in Chile schlug in den Städten.

General Pinochet hat nach dem Putsch 17 Jahre lang Chile regiert. Was hat seine Diktatur für Auswirkungen gehabt?
Wenn wir heute von Neoliberalismus reden, meinen wir Privatisierung, längere Arbeitszeiten, Kürzungen bei den grundlegenden Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit, sogar Wasser.
In Chile wurde das unter einem anderen Namen eingeführt. Damals hieß das "Monetarismus". Alles wurde privatisiert, alle Dienstleistungen gekürzt: Bildung, Gesundheit, Wohnungen. Die Arbeitszeit wurde ausgedehnt. Die Gewerkschaftsbewegung konnte nicht arbeiten.
Die Menschen in Chile waren die Versuchskaninchen dafür, was wir heute als Neoliberalismus kennen. Die Herrschenden konnten das nur tun, weil sie die Arbeiterklasse und die anderen Unterdrückten in Chile besiegt hatten. So konnten sie die Politik der "Chicago Boys" umsetzen.

Wer sind die "Chicago Boys"?
Wirtschaftswissenschaftler der Universität von Chicago wie Friedman und sein Lehrer Hayek. Als die Armee Chile übernommen hatte, herrschte weltweit die erste große Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Herrschenden entwarfen eine neue Wirtschaftspolitik.
Chile war 1973 eine Möglichkeit, in die Praxis umzusetzen, was die Theoretiker der herrschenden Klasse sagten: Der Weg aus der Krise sei der "Monetarismus". Geholfen hat er nicht.

Gegen den Neoliberalismus sind in den letzen Jahren Millionen Menschen in Argentinien, Venezuela, Mexiko und Bolivien aufgestanden. In Brasilien wurde der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula zum Präsidenten gewählt. Gibt es eine neue Welle von Befreiungsbewegungen?
Lula läuft vor seiner Verantwortung weg. Er ist gefangen in der Maschine des Staates. Er beugt sich den Kräften des Kapitalismus.
Entweder die Regierungen zahlen die Auslandsschulden, der Internationale Währungsfonds sagt ihnen, wie sie die Wirtschaft organisieren sollen und sie streichen soziale Dienstleistungen der Bevölkerung.
Oder wir stoßen zum Kern der Dinge vor und sagen "Nein" zur Zahlung der Auslandsschulden und gehen in Richtung einer anderen Gesellschaft. Dann sind wir wieder bei der Frage, wer das durchsetzen kann: Die arbeitenden Menschen selbst.


Linksruck Nr. 160, 1. Januar 1970





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