CD "Beginner – Blast Action Heroes":

Bertolt Brecht und Mike Krüger

Heißer Herbst mit HipHop aus Hamburg. Die Beginner fangen die Höhen und Tiefen von 2003 mit Humor ein.

Schiss. Dieses Gefühl kennt jeder, der die Nachrichten verfolgt oder ab und an auf seine Kontoauszüge sieht. So auch die Beginner, die es im gleichnamigen Stück auf ihrem neuen Album "Blast Action Heroes" eingefangen haben.
Schiss, das ist, "wenn du nicht weißt, ob die Platte hier jemals rauskommt, weil das Schwein wieder ganze Völker ausbombt". Schiss ist auch: "Tränen in den Augen, der erste Sohn erblickt das Licht der Welt. Was man denkt – er wird’s später schwerer haben als man selbst."
Das macht es leicht, aggressiv zu werden. Und Gründe gibt es noch mehr: In "St. Anger" reden die Hamburger Bertelsmann und Bild, die Witze von Erkan und Stefan, Dieter Bohlens Superstars und den Vatikan in Grund und Boden, der den Menschen wegen Verhütung den Himmel versagen will. Das erste Album der Beginner seit mehr als 4 Jahren ist für alle, die fürchten, dass die Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts aus den Fugen gerät.
Trotz alledem, das Leben besteht nicht nur aus Katastrophen. "Wein’ doch nicht" sagen sich die Beginner in "Gustav Gans": "Das Leben ist hart und manchmal kaltblütig, doch wir nehmen den Scheiß locker und leichtfüßig."
Darum gibt es Stücke zum Feiern wie "Gustav Gans" oder "Stift her": "Ist schon cool, wenn sich Menschen hier mal zusammentun – für einen Abend mal merken, was sie gemein haben."
Die Beginner reimen eben, "mal wie Bertolt Brecht, mal wie Mike Krüger", wie es in der Single "Fäule" heißt. Die drei haben sich den Witz erhalten, der sie auch auf dem Vorgänger "Bambule" (1998) ausgezeichnet hat.
In "Fäule" machen sie sich über all die HipHopper lustig, die sich für Genies des Rap halten. Die Beginner geben lieber zu, dass ihre Musik harte Arbeit ist und verpassen im Vorbeigehen US-Präsident Bush eine Ohrfeige.
Darum macht es immer Spaß, den Reimen von Denyo und Eizi Eiz zuzuhören. DJ Mad verpackt sie in frische bassbetonte Rythmen mit vielen Streichern. Ihrer Heimatstadt offenbaren die Rapper ihre Liebe, indem sie Hamburg zum Gegenteil von CDU-Politiker Merz erklären ("City Blues").
Auch den rechten Hamburger Senat mögen die Beginner überhaupt nicht. Ihr Wunsch, der rechte Innensenator Schill möge beseitigt werden, hat sich inzwischen erfüllt. Aber in ihrem Anti-Schill-Stück "Chili-Chil Bäng Bäng" hauen sie den namensverwandten Innenminister Schily gleich mit in die Pfanne: "Er schiss auf den Klassenkampf und dessen Rattenschwanz und begann die Ärmsten der Armen abzuschieben."
Der jüngste Sprengstofffund bei Münchner Nazis hat auch der Warnung der Beginner vor rechten Tendenzen in Deutschland ("Scheinwerfer") eine erschreckende Berechtigung verliehen. Und zuletzt kann man sich noch darüber freuen, dass Eizi Eiz Verständnis dafür zeigt, wenn seine Fans CDs schwarz brennen – "bei den Preisen". Hauptsache, die Leute hören mal wieder Musik.

von Jan Maas (E-Mail)




Linksruck Nr. 161, 1. Januar 1970





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