Bolivien: Alle streiken gegen Ausverkauf

Arbeiter und Bauern wollen verhindern, dass die Regierung Erdgas billig an Energiekonzerne verkauft, während sie selbst teuer dafür bezahlen sollen. Der Präsident reagiert mit Gewalt. Aus Bolivien berichtet Lucia Schnell.

So klingt’s in La Paz

Reichtum
"Ich bin 40 Jahre alt und war nie politisch aktiv, aber diese Situation weckt die Menschen auf. Erst hat der Präsident den Flughafen verkauft und die Eisenbahn, jetzt will er das Gas verkaufen.
Wir wollen nicht, dass das Gas verkauft wird. Es ist unser einziger Reichtum. Wir wollen, dass das Gas allen zugute kommt. Das Gas kann auch hier verarbeitet werden.
Der Präsident besitzt Minen und hat seine Arbeiter. Mit den Metallen, die er ins Ausland verkauft, macht er Millionen Dollar. Auf dem Land haben die Leute keinen Zucker und kein Salz, sie wissen nicht, was sie essen sollen. Wir haben nicht mal hundert Dollar im Monat. Deshalb stehen wir auf. Wir wollen gehört werden."
Prima Zuri, Gewerkschaft der Marktfrauen

Ausbeuter
"Bolivien hat viele natürliche Rohstoffe, die immer von ausländischen Unternehmen ausgebeutet wurden: Erze, Wasser, Holz. Aber dieser Reichtum an Rohstoffen hat uns immer nur Armut gebracht. Der Kolonialismus ist nicht vorbei, er hat sich nur verändert.
Jetzt wollen sie das Gas ausbeuten, deshalb gehen wir auf die Strasse. Das ist ein Geschäft für einige wenige multinationale Unternehmen, mit denen die Regierung gemeinsame Sache macht. Die USA stecken hinter diesem Geschäft. Auf globaler Ebene bricht ein Krieg um die Energiequellen aus. Die USA benutzen ihre Unternehmen, die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds, um ihr Wirtschaftsmodell durchzusetzen und sich auf üble Weise zu bereichern. Die Iraker müssen ihr Territorium und ihre Souveränität verteidigen, wir auch."
Efrain Gutierrez, Filmemacher

Was kommt danach?
"Die Menschen gehen wegen vielen Dingen auf die Straße; das Gas ist nicht das einzige Thema. Über die letzten 15 Jahre hat die Armut extrem zugenommen. Die Leute wollen Antworten auf ihre konkreten Probleme – Gesundheit, Ausbildung, höhere Löhne, bessere Ernährung. In dem Gas und seiner Verarbeitung sehen viele Leute eine Möglichkeit, aus der Krise herauszukommen.
Seit dem Jahr 2000 haben die Demonstrationen hier zugenommen. Wir haben die Privatisierung des Wassers zurückgeschlagen, und die Wahlen von 2002 wurden vom Antiimperialismus bestimmt. Gerade weil die US-Botschaft sich gegen Evo Morales, den Kandidaten der Kokabauern aussprach, haben ihn noch mehr Leute gewählt. Im Februar hat ein Aufstand eine Steuer auf die Einkommen der Armen verhindert. Wir können den Export des Gases verhindern und auch die Regierung stürzen. Aber was kommt danach? Die Leute werden auch von einer neuen Regierung Lösungen für ihre Probleme fordern. Aber die entstehen in einem internationalen Kontext, wo leider die USA die Welt regieren. Die können in jedes Land einmarschieren, das die Stabilität der bestehenden Ordnung auf dem Kontinent in Frage stellt."
Miguel Pinto, Gewerkschaft der Journalisten

Seit einem Monat protestieren Arbeiter und Bauern in Bolivien, dem ärmsten Land Lateinamerikas, gegen den geplanten Export der Erdgasvorkommen des Landes. Bolivien verfügt über die größten Erdgasreserven des Kontinents. Verschiedene Energiekonzerne wie BP und British Gas aus Großbritannien und Repsol aus Spanien wollen das Gas über eine Pipeline nach Chile und von dort nach Mexiko und in die USA transportieren.
Neben dem Erdgasverkauf plant die Regierung von Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada noch weitere Privatisierungen. Sie folgt damit den Vorgaben des Internationalen Währungsfonds IWF, der seine Hilfen daran knüpft, dass die Regierung Sozialleistungen abbaut und staatliches Eigentum verkauft.
Am 19. September protestierten Hunderttausende im ganzen Land. Bauern organisierten Straßenblockaden und erhoben sich in einigen Gegenden zu bewaffneter Rebellion. Das Militär ermordete fünf von ihnen, um die Straßen zu räumen, und stürmte die Dörfer.
Die Bewegung fordert, dass die Erdgasreserven wieder verstaatlicht werden, und will den Export verhindern. Nur ein Prozent der Bevölkerung ist an das Erdgasleitungsnetz angeschlossen; der Rest muss sich Gasflaschen kaufen. Für das Gas in diesen Flaschen zahlen die Menschen das Neunfache dessen, was die Energiekonzerne nach den Plänen der Regierung zahlen würden. Auf dem Land heizen viele Menschen mit Holz oder Lamamist.
In den letzten Wochen hat sich der Konflikt verschärft. Arbeiter traten an verschiedenen Orten spontan in den Streik, und fast alle Überlandstraßen des Landes sind blockiert. Die Regierung hält an den Plänen fest, das Gas zu exportieren und ließ am 9. Oktober auf einige hundert Bergarbeiter schießen, die in El Alto die Hauptstraße blockierten. Das Militär ermordete zwei Arbeiter und verletzte acht weitere.
In El Alto, einer Stadt mit etwa einer Million Einwohnern direkt neben der Hauptstadt La Paz, streiken fast alle Einwohner und blockieren die Zufahrt zur Hauptstadt. In La Paz geht bereits der Benzinvorrat zur Neige. Für den Oktober sind weitere Proteste angekündigt. Es ist noch unklar, ob die Bewegung stark genug werden kann, um die Regierung zum Einlenken zu zwingen und die Gewalt des überall postierten Militärs zu stoppen.


Linksruck Nr. 163, 1. Januar 1970





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