Der Koran sagt: "Steh ein für Gerechtigkeit"

Nur wenn Muslime und Nicht-Muslime zusammenstehen, können sie den Herrschenden die Stirn bieten, sagt Salma Yaqoob.

Ich bin kurz nach dem 11. September in der Antikriegsbewegung aktiv geworden. Damals wurde große Hysterie gegen Muslime geschürt. Ich hatte das Gefühl, dass Leute mich wegen meinem Äußerem, wegen meinem Kopftuch mit Terroristen in einen Topf werfen. Ich wurde auf der Straße bespuckt und beschimpft. Wir Muslime dachten wirklich, wir würden hier so etwas wie in Bosnien erleben. Nur fünf Jahre vorher waren Muslime in einem europäischen Land umgebracht worden.
Dann traf ich Menschen, die Flugblätter gegen den Angriff auf Afghanistan verteilten. Ich war auch gegen den Krieg, hatte mich aber nicht getraut, etwas zu sagen, um nicht wegen "terroristischer Aktivitäten" verdächtigt zu werden. Uns war nicht bewusst gewesen, dass es so viele Menschen gab, die genau so dachten wie wir.
Also ging ich zu einem der Treffen und sah dort viele Leute, die diesen Krieg ebenso ablehnten wie die Attacken des 11. September.
Ich bin auch wegen meiner religiösen Überzeugungen aktiv geworden. Es gibt einen Vers im vierten Kapitel unseres Koran, in dem es heißt: "Steh ein für die Gerechtigkeit, auch wenn das Gefahr für dich und deine Familie bedeutet." Es ist der Einsatz für Gerechtigkeit, der mich motiviert. Religiöse Gruppen spielen auf jeden Fall eine wichtige Rolle in der Antikriegsbewegung, aber auch in anderen Bewegungen.
Engagierte Menschen, die zu ihren Prinzipien stehen, finden meist eine Menge Übereinstimmungen miteinander. Von Anfang an habe ich großen Wert darauf gelegt, dass wir aktiv nach Menschen mit unterschiedlichem Glauben suchen und sie zusammenbringen. Jedes Mal, wenn wir ein öffentliches Treffen hatten, habe ich mich an Kirchenvertreter, Vertreter der jüdischen Gemeinde oder der Buddhisten gewandt. Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir unterschiedliche Strömungen repräsentieren und dass die Menschen auch ihre verschiedenen Perspektiven darstellen können.
Man sieht häufig, wie einzelne Glaubensgemeinschaften allein agieren. Oder die säkularen Gruppen finden sich zusammen, aber fast nie arbeiten alle zusammen an einem Projekt. Ich finde, diese Bewegung ist eine hervorragende Gelegenheit für Menschen, die eine Überzeugung teilen, zusammen aktiv zu werden.
Denn es geht um eine einfache Frage: Wir sagen alle Nein zu diesem Krieg, und eine Menge Menschen stimmen mit uns überein.
Unsere Bewegung hat auch geholfen, eine Reihe von Vorurteilen aus der Welt zu räumen. Was mich überrascht hat, war, zu sehen, wie wenig die meisten Menschen darüber wissen, aus welcher Richtung ihre Mitmenschen kommen. Viele Muslime dachten, dass der Krieg niemanden sonst kümmern oder stören würde, und waren überrascht zu sehen, dass auch Nicht-Muslime, Sozialisten, leidenschaftlich etwas gegen diesen Krieg unternehmen wollten.
Daneben sahen wir auch Christen, und das zeigte, dass es hier nicht um einen Kampf der Christen gegen die muslimische Welt geht. Es gibt Leute, die versuchen, hier einen Zusammenstoß der Kulturen herbeizureden. Um das Land in den Krieg zu führen, mussten Regierung und Medien den Islam als Feindbild errichten. Dabei geht es weiterhin um die ganz alten Themen geht: um Land, Rohstoffe, Öl.
Wir leisten auch Aufklärungsarbeit. Ich habe in Kirchen gesprochen und Leuten erklärt, dass es nicht so ist, dass alle Muslime in den Krieg ziehen müssen, weil sie an den Dschihad glauben.
Einige nicht-religiöse Gruppen weigerten sich, mit religiösen Gruppen zusammenzuarbeiten. Muslimische und christliche Gruppen wollten zwar mit anderen Gläubigen, nicht aber mit Atheisten zusammenarbeiten. Es war eine große Herausforderung, all die Menschen auf eine gemeinsame Grundlage zu bringen.
Es war interessant zu sehen, wie zum Beispiel die Sozialisten langsam ihre Berührungsängste aufgaben und erkannten, dass die Gläubigen vielleicht doch gar nicht so irrational und verrückt sind, wie sie gedacht hatten.
Christen und Muslime begannen, die Sozialisten nicht mehr nur als "verlorene Seelen" zu betrachten. Wir mussten anerkennen, dass auch sie sich für Gerechtigkeit einsetzten. Vorher hatte es bestenfalls Lippenbekenntnisse zur "Einheit der Menschheit" gegeben, aber erst durch unsere gemeinsame Erfahrung hat es wirklich eine Veränderung zum Besseren gegeben, und diese Erfahrung wird uns bleiben.
Unsere politische Zusammenarbeit hat auch den Konservativen unter den Muslimen das Wasser abgegraben. Denn wir haben die Trennung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, die auch sie predigen, praktisch überwunden.
Es ist eine Sache, sich die Kultur und die Festivals einer anderen Kultur anzusehen, aber eine ganz andere, jemand anderem wirklich darin zu vertrauen, dass er das Beste will, und mit ihm zusammenzuarbeiten. Erst dann steht man wirklich auf derselben Seite. Man bringt Opfer für einander, sorgt für einander, hat schlaflose Nächte, all diese kleinen Dinge. Die Verbindung, die so entsteht, ist viel tiefer als alles, was man mitnimmt, wenn man sich nur ein Seminar über eine andere Kultur anhört. In diesem Sinne ist etwas sehr Starkes zwischen uns entstanden.

von Salma Yaqoob




Linksruck Nr. 165, 1. Januar 1970





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