Krankenhäuser

Mona Müller ist Krankenpflegeschülerin an einem städtischen Krankenhaus in Nordrhein-Westfalen.
Jeder, der bei uns eine Ausbildung anfängt, weiß, das wir einen Knochenjob machen. Der Verdienst ist niedrig und steht in keinem wirklichen Vergleich zu der Arbeit, die wir tun.
Zur Zeit arbeite ich auf der Station für Innere Medizin. Dort gibt es 31 Betten. Im Durchschnitt sind immer zehn Patienten auf der Station, die schwer pflegebedürftig sind. Manchmal reicht unsere Besetzung dafür nicht aus, dann hetzen wir uns richtig ab. Einen Ausfall des Personals durch Krankheit können wir noch auffangen, aber wenn dann noch der Zweite ausfällt, wird es personell sehr eng. Dann ist die ganze Arbeit kaum zu schaffen. Morgens in aller Frühe habe ich angefangen, die Patienten zu waschen. Fertig geworden bin ich erst um 11 Uhr. Vorher war auch keine Pause für mich drin, aber die Zeit ist notwendig, wenn man sich um Patienten kümmern will. Normalerweise ist man gegen halb Zehn damit fertig. Da kommt man sich schon vor wie auf einer Waschstraße.
Auch wir Auszubildenden müssen regelmäßig einspringen, wenn gerade Personal fehlt. Das Extremste, was ich mal erlebt habe, war, dass eine meiner Mitschülerinnen vier Wochen am Stück ohne freien Tag gearbeitet hat.
Bei uns Schülerinnen ist das Einspringen aber normalerweise erträglich. Bei den Krankenschwestern sieht es schlechter aus. Eine Kollegin konnte erst nach einer Zwölf-Stunden-Schicht nach Hause gehen. Es gibt harte Tage, wo wir wegen der vielen Arbeit nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht.
Am wichtigsten wäre, eine Schwester mehr pro Schicht zu haben. Wir bräuchten auch bessere Betten. Wir haben noch viele alte, die man in der Höhe nicht verstellen kann. Für kleine Patienten sind die Betten zu hoch, so dass wir Fußhocker davor stellen müssen, damit sie ins Bett kommen. Für uns aber sind sie zu niedrig, so dass wir uns bei der Pflege bücken müssen. Das geht höllisch ins Kreuz.
Aber bei uns sind die Verhältnisse noch geradezu paradiesisch im Vergleich zu den Altenpflegeheimen. Es ist zum Alltag geworden, dass bei uns alte Menschen aus einem Heim eingeliefert werden. Die sind dann zum Beispiel total ausgetrocknet, weil ihnen niemand regelmäßig zu trinken gegeben hat. Alte Leute, die im Rollstuhl sitzen oder bettlägerig sind, werden häufig mit offenen Druckstellen eingeliefert, weil die Pfleger keine Zeit hatten, die alten Leute umzulagern. Die sitzen oder liegen dann den ganzen Tag auf einer Stelle, bis sie ganz wund sind. Und wir müssen dann die alten Leute wieder aufpäppeln.
Ich habe immer wieder Patienten, die auf keinen Fall mehr ins Heim zurückwollen. Die wollen lieber im Krankenhaus bleiben.


Linksruck Nr. 141, 1. Januar 1970





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