marxismus aktuell:

Frauen sind unterdrückt immer noch

Frauenunterdrückung ist keine Sache der Vergangenheit.

Frauen genießen heute wesentlich mehr Freiheiten als in früheren Generationen. Anders als ihre Großmütter arbeitet die Mehrzahl aller erwerbstätigen jungen Frauen in Vollzeitjobs. Erwerbsarbeit und die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und technischen Haushaltshilfen ermöglichen Frauen ein Leben, in dem sich nicht mehr alles um Heirat und Geburt dreht.

Von einem Ende von Frauenunterdrückung kann aber nicht die Rede sein. Die sexuelle Revolution durch die Pille und die Bewegungen der 60er und 70er Jahre haben die Einstellung zu Sexualität und Ehe offener gemacht. Gleichzeitig ist Sex heute mehr denn je eine Ware. Ob Schnaps, Auto oder Tiefkühlpizza, alles soll mit Darstellungen von Frauen als Sexobjekten verkauft werden. Der Druck auf Frauen, einem Schönheitsideal entgegenzuhungern, ist enorm.

Frauen verdienen durchschnittlich nur 77 Prozent des Lohns männlicher Arbeiter und werden seltener befördert. Der Großteil der Billigjobs wird von Frauen besetzt.

Kindererziehung und Haushaltsführung sind in den meisten Familien immer noch Frauensache. Und je mehr Kindergärten privatisiert werden, je mehr Löhne und Renten gekürzt werden, desto ärmer und stressiger wird das Leben für die Mehrzahl der Frauen, die nicht zur High Society gehören umso mehr, wenn sie allein erziehend sind.

Die Benachteiligung von Frauen ist keine Verschwörung von Männern, sondern hat gesellschaftliche Ursachen. Frauenunterdrückung entstand in Klassengesellschaften vor rund 10.000 Jahren.

Friedrich Engels legte 1884 in "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" die theoretische Grundlage für ein Verständnis der gesellschaftlichen Untersachen von Frauenunterdrückung. Engels Hauptargument war, dass Frauen während des Großteils der Menschheitsgeschichte nicht unterdrückt wurden.

Neuere Untersuchungen bestätigen, dass in den klassenlosen Jäger- und Sammlergemeinschaften Frauen nicht unterdrückt waren. Es gab zwar eine biologisch bedingte Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern, die in ihrem Ausmaß je nach regionalen Bedingungen variierte. Doch es kam zu keiner Unterordnung der Frau. Die Gebärfähigkeit von Frauen war hinderte sie nicht daran, den größten Teil zur Versorgung der Stammesgemeinschaften beizutragen.

Die Produktion eines Stammes war gemeinschaftlich organisiert, die Erzeugnisse wurden geteilt. Es gab keine materielle Basis für Privateigentum, für feste Familienstrukturen oder einen bewaffneten Staatsapparat.

Das änderte sich mit der Entwicklung von schwerer Landwirtschaft, die effektiver war und so ein Mehrprodukt erzeugen konnte, das über den täglichen Bedarf der Sippe hinausreichte. Dieses Mehrprodukt wurde von einer kleinen Minderheit verwaltet und kontrolliert. Zunehmend ungleiche Gesellschaften, in denen eine Minderheit die Verwendung des gesellschaftlichen Mehrprodukts kontrollierte, waren die Folge.

Im Kapitalismus wurzelt die Frauenunterdrückung im Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privatisierter Reproduktion der Arbeitskraft. Für den Kapitalismus ist die Familie unentbehrlich, um die Kosten für die Aufzucht der nächsten Arbeitergeneration und die Versorgung von Alten und Kranken zu tragen.

Diese Reproduktionsarbeiten werden von Frauen geleistet, weil deren Arbeitskraft meist geringer entlohnt wird als die ihrer männlichen Partner die meisten Chefs (egal ob männlich oder weiblich) befürchten Profitverluste durch Schwangerschaften in der Belegschaft. Mit jeder Kürzung von sozialen Leistungen wird die Familie als Auffangbecken für Kinder, Alte und Kranke wichtiger, und Frauen werden immer stärker dazu aufgefordert, diese Fürsorge zu übernehmen.

Der gesamtgesellschaftliche Reichtum war noch nie in der Menschheitsgeschichte so groß wie heute. Frauenbefreiung wäre möglich, wenn ein Teil dieser Ressourcen für die Vergesellschaftung von Kinderversorgung und Hausarbeit verwendet würde.

Dieser Reichtum wird heute zwar von der übergroßen Mehrheit produziert, aber kontrolliert von einer kleinen Minderheit, deren Politik der Logik zur Profitsteigerung folgt. Aufgrund der Krisenhaftigkeit dieses Wirtschaftssystems wird die notwendige Sozialisierung der Reproduktion im Kapitalismus nie stattfinden. Nur eine demokratische Planung der Wirtschaft, die sich nach den Bedürfnissen der Mehrheit richtet, kann die Möglichkeit dazu eröffnen.

Ein Großteil der weltweiten Arbeiterklasse sind Frauen. Mit dem massenhaften Eintritt in die Arbeiterklasse steigen ihre Möglichkeiten zum Kampf gegen Frauenunterdrückung.

Der Schlüssel zur Frauenbefreiung liegt nicht im Geschlechterkampf, sondern im Kampf gegen die kapitalistische Klassengesellschaft. Männer der Arbeiterklasse profitieren nicht von Frauenunterdrückung. Der sexistische Blödsinn, dass Frauen von einem anderen Planeten kämen, vergiftet persönliche und sexuelle Beziehungen sowohl für Männer als auch für Frauen. Männer wie Frauen leiden in Arbeiterfamilien unter niedrigen Löhnen und dem Mangel an Kinderbetreuung und sozialen Einrichtungen.

Der Weg nach vorne für Frauen und Männer ist der gemeinsame Kampf für den Sturz des globalen Kapitalismus und für den Aufbau einer klassenlosen und gerechten Welt ohne Frauenunterdrückung.

von Irmgard Wurdack (E-Mail)




Linksruck Nr. 166, 1. Januar 1970





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