Illegal rausgeschmissen

Um sich gegen verschärfte Arbeitsbedingungen zu wehren, wollten Call-Center-Angestellte von Profil24 in Berlin, einem Dienstleister von Europcar, einen Betriebsrat gründen. Doch die Geschäftsleitung hat die Aktivisten entlassen. Ein Bericht von Christian Schletze.

Am Anfang stand das "Du" und ein scheinbar fast familiäres Arbeitsklima. Schließlich könne man sich immer vertrauenswürdig an seinen direkten Vorgesetzten wenden, hieß es gleich. Doch schnell haben wir gemerkt, dass es dabei lediglich um die Verschleierung der harten wirtschaftlichen Fragen von Lohn und Mitsprache ging.
Wir sind in Acht-Stunden-Schichten ohne geregelte Pausen eingeteilt. Zwar dürfen wir am Platz essen. Das ist jedoch nur möglich, wenn gerade keine Anrufe reinkommen. An vielen Tagen gibt es dadurch gar keine Pausen.
Die Geschäftsleitung hält es für selbstverständlich, dass wir bis 24 Uhr ohne Zuschläge arbeiten, genauso an Wochenenden und Feiertagen. Wegen des niedrigen Bruttostundenlohns von 7 Euro müssen die meisten Kollegen ständig Extraschichten machen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Immer wieder wurde uns eine Lohnerhöhung versprochen. Aber auch nach dem erfolgreichsten Monat des Unternehmens gab es für jeden nur ein T-Shirt mit Firmenschriftzug. Außerdem wurde einmal neuen Kollegen nach bestandener Probezeit mehr Lohn versprochen, woran sich dann später aber niemand mehr erinnern konnte.
Bei der Arbeit sind wir vom diensthabenden Teamleiter abhängig. Besonders schlimm ist das für neue Kollegen in der Einarbeitung, wo das freundliche "Du" schnell vergessen ist. Um die Einarbeitungszeit möglichst kurz zu halten, werden die Angestellten enorm unter Druck gesetzt. Viele werden durch ständiges Hineinreden und Anschreien so stark verunsichert, dass ihr Selbstvertrauen ins bodenlose sinkt.
Um die Expansionspläne des Unternehmens zu finanzieren wurden die Arbeitsbedingungen im letzten Jahr weiter verschlechtert.
So wurde die Nachbearbeitungszeit auf 10% der Arbeitszeit festgelegt und überwacht. Diese Zeit benötigt jeder Mitarbeiter um die vom Kunden gewünschten Leistungen nach dem Telefonat zu bearbeiten. Somit mussten wir sofort mehrere Aufträge auf einmal bearbeiten. Die Folge war, dass einige Kollegen so verunsichert waren das sie zur Toilette hetzten um keinen Anruf zu verpassen. Am nächsten Tag kam die Statistik und die Kollegen konnten alle einsehen wer die Anforderungen nicht erfüllte.
Zudem wurden von einem Tag auf den anderen keine Überstunden mehr gewährt, um mit weniger Kosten die gleiche Arbeit zu leisten.
Im Sommer werden immer einige studentische Mitarbeiter eingestellt, um das erhöhte Arbeitsaufkommen zu bewältigen. Um die Angestellten im Herbst wieder loszuwerden, werden sie alle kurz vor Ende der Probezeit gekündigt.
Weiterhin versucht die Geschäftsleitung regelmäßig, uns mit der angeblich schlechten wirtschaftlichen Lage des Unternehmens zu verunsichern. Jedoch haben wir nie Zahlen erhalten, mit denen wir diese Behauptungen hätten nachvollziehen können.
Damit sich unsere Arbeitsbedingungen nicht immer weiter verschlechtern, haben einige Kollegen und ich beschlossen, einen Betriebsrat zu gründen. Wir wollten offiziell eine Arbeitnehmervertretung schaffen, um dem willkürlichen Umgang der Geschäftsleitung mit den Kollegen entgegenzuwirken.
Zwei Kollegen und ich haben im Oktober letzten Jahres die Einladung zur Wahl des Betriebsrats aufgehängt. Die unvorbereitete Geschäftsleitung kündigte daraufhin alle 17 studentischen Mitarbeiter, die angeblich für die Planung eines Betriebsrates verantwortlich sind.
Dadurch wurden die Kollegen gespalten. Weiterhin übten die Bosse in Einzelgesprächen zusätzlich enormen Druck auf die verbliebenen Mitarbeiter aus. Obwohl für Angestellte, die zur Wahl eines Betriebsrats einladen, ein besonderer Kündigungsschutz gilt, wurden auch wir rechtswidrig gekündigt, um uns von den anderen Kollegen fernzuhalten.
Für die folgende Betriebsversammlung konnte die Geschäftsleitung die ihr ergebenen Angestellten mobilisieren und so die Wahl eines Betriebsrats zu ihrem Interesse beeinflussen. Einigen Kollegen wurde sogar im Auftrag der Geschäftsleitung per Telefon durchgegeben, wenn sie bei der Betriebsversammlung zu wählen haben. Weitere Kollegen wurden eingeschüchtert, um uns gegeneinander aufzubringen.
Damit wir weiter gegen dieses Verhalten der Geschäftsleitung kämpfen können, sind mit mir 10 Kollegen in die Gewerkschaft IG Metall eingetreten. Mein besonderer Kündigungsschutz wurde bereits von einem Gericht bestätigt. Doch die Geschäftsleitung reagierte mit einer zweiten, diesmal fristlosen Kündigung und Hausverbot. Der Prozess um meine Wiedereinstellung läuft noch.
Natürlich werde ich weiter mit aller Kraft gegen die Willkür der Unternehmer kämpfen. Allen denen es ähnlich ergeht und die sich wehren wollen, biete ich selbstverständlich Hilfe an. Ihr könnt mit mir unter der E-mail-Adresse cs81@gmx.de in Kontakt treten.
Bedanken möchte ich mich bei allen Kollegen, die nicht vor dem Arbeitgeber einknicken und für ihr Recht kämpfen. Weiterhin vielen Dank für die zuverlässige Unterstützung der IG Metall Berlin. Allen die sich wehren wollen, rate ich, dies nur mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft zu tun.


Linksruck Nr. 168, 1. Januar 1970





Dieser Artikel kommt von Linksruck
http://www.linksruck.de