Für heute reicht’s:

Schrei nach Veränderung

Ein Buch über einen Amoklauf in Erfurt vor zwei Jahren sorgt für Aufruhr und Schlagzeilen.

Nachdem er am 26. April 2002 16 Personen – hauptsächlich Lehrer – und sich selbst getötet hatte, war für die Mehrheit der Presse und der Politiker in Erfurt klar: Robert Steinhäuser war ein gestörter Einzeltäter, ein Irrläufer.
Aber Autorin Ines Geipel hat noch offene Fragen: Welche Mitschuld trägt das thüringische Schulsystem? Warum wurden die Fragen der Angehörigen abgewiesen? Warum wurden die Akten geschlossen, bevor der Fall wirklich aufgeklärt war?
In "Für heute reicht’s" erzählt Geipel die Geschichte des Amoklaufes nach und formuliert scharfe Anklagen an die Polizei, die Politiker, das Schulsystem in Thüringen und die Unfähigkeit der Öffentlichkeit, sich mit den Hintergründen der Tat auseinanderzusetzen.
Minutiös erstellt sie ein Porträt einer kaputten, verlogenen Gesellschaft, in der es aber auch Elemente des Widerspruchs und der Menschlichkeit gibt.
An dem Tag, als Robert Steinhäuser sich die erste Tatwaffe kaufte, war er von der Schule geflogen. Robert wusste, dass mit dieser Entscheidung das Urteil über seine Zukunft gefällt war. Nach dem thüringischen Schulgesetz hat ein Gymnasiast, der das Abitur nicht schafft, keinen Realschulabschluss.
Nach der Tat demonstrierten 4.000 Erfurter Schüler und machten ihrer Wut Luft – über das Schulsystem, über ihre trostlosen Zukunftsperspektiven und über eine Gesellschaft, die ihnen fremd ist. Sie nannten ihre Initiative "Schrei nach Veränderung". "Lieber Minister ohne Amt als Schüler ohne Abschluss", stand auf einem Transparent. "Vielleicht wollen wir ja gar nicht mehr mit und für euch rennen", sagte die Schülerin Anika in ihrer Rede auf der Demonstration.
Die CDU-Regierung wiegelte ab und bildete eine Kommission, die unter Ausschluss der Betroffenen über die Probleme des Schulsystems beraten sollte. Der damalige thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel hatte bereits in den 60er Jahren als Kultusminister von Rheinland-Pfalz Erfahrungen im Abwürgen von Schülerrevolten gesammelt und tat nichts, um die Ursachen des Amoklaufes zu bekämpfen.
Ihm gegenüber steht Elsa, eine fiktive Mitschülerin von Robert Steinhäuser, deren Fragen durch das Buch führen, und viele andere, die man während der Lektüre kennen lernt, wie der Freund des erschossenen 15jährigen Schülers Ronny Möckel. Dem Punk wurde verboten, auf der Trauerfeier eine Rose für seinen Freund zu den anderen Blumen auf die Domstufen zu legen, denn er "störe das Trauerbild".
Ines Geipel führt die Unfähigkeit im Umgang mit dem Amoklauf auf die Erfahrung mit zwei Diktaturen zurück. Diese Erklärung ist nicht unbedingt glaubhaft.
Das Buch aber ist packend und hat schon zu Aufruhr im thüringischen Politestablishment geführt. Der Fall wird jetzt wieder aufgerollt.

von Christine Buchholz (E-Mail)




Linksruck Nr. 170, 1. Januar 1970





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