Verdi-Protest gegen Personalabbau:

Telekom-Arbeiter kämpfen um ihre Arbeitsplätze

6.000 Beschäftigte protestierten am 13. November gegen die Pläne des neuen Telekom-Chefs, 55.000 Arbeitsplätze abzubauen. Frank Eßers berichtet aus Bonn.

Tausende Telekom-Arbeiter aus ganz Deutschland drängen sich vor dem Verwaltungsgebäude der Telekom in Bonn. Viele haben sich extra Urlaub genommen, um in Bonn protestieren zu können. 200 Kolleginnen und Kollegen sind fast 600 Kilometer mit einem Sonderzug aus München angereist. Schon am Bonner Hauptbahnhof schwenken sie verdi-Fahnen und kündigen ihren Protest mit Trillerpfeifen an.
„Jetzt ist die Grenze erreicht. Wir sind der Telekom treu und machen Überstunden bis zum Abwinken“, sagt eine Service-Angestellte, die aus Angst vor ihrem Chef ihren Namen nicht nennen will: „Wir wissen nicht, ob wir nächstes Jahr noch unseren Arbeitsplatz haben. Für die Telekom zu arbeiten war früher ein sicherer Job. Das machen die vom Vorstand jetzt alles kaputt. Das ist Betrug an uns.“
Zur Zeit lassen die Manager in jedem Betrieb prüfen, welche Arbeiter ihrer Meinung nach überflüssig sind. „Ein ostdeutscher Kollege hat sich das Leben genommen, weil er als ‚überflüssig’ identifiziert wurde“, erzählt Markus Frings, Gewerkschaftssekretär aus Nordrhein-Westfalen. Der Kollege hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. Für den Vorstand zählen solche Schicksale offenbar nicht. „Was verändert werden muss, muss schonungslos und konsequent geschehen. Dazu gehört es, alte Zöpfe abzuschneiden“, schreibt der neue Telekom-Chef Kai Uwe Ricke in einem internen Papier.
Die „alten Zöpfe“ sind 55.000 Arbeitsplätze, die Ricke abbauen will, um die 64,5 Milliarden Euro Schulden des Konzerns abzubauen. Schulden, die er selbst zu verantworten hat: Als ehemaliger Chef der Mobilfunksparte kaufte er selbst Mobilfunkunternehmen und –lizensen ein. Kritik an den viel zu teuren Einkäufen bügelte er mit dem Hinweis auf das Wachstum der New Economy ab. Nur ein Jahr später brach der Markt ein und die T-Aktie fiel ins Bodenlose.
„Die Schulden haben die Manager verursacht“, sagt Markus Frings. Ein Kollege erklärt: „Die Manager haben jahrelang in die Telekommunikation investiert. Da gab es keine Grenzen, dafür waren Milliardenbeträge da. Jetzt stehn sie vor ihrem selbst produzierten Scherbenhaufen. Es ist nicht die Schuld der Beschäftigten, wenn auf den Telekommunikationsmärkten die Aktien einbrechen. Es muss Schluss sein mit der Philosophie, dass der Markt schon alles richtet.“
Hart trifft es auch die über 7.000 Auszubildenden. Anna, Nadja, Kirsten, Christine, Christian und Timo sind seit einem Jahr bei der Telekom und mit ihrer Ausbilderin aus Rheinland-Pfalz angereist. „Wir wissen noch nicht, ob wir auf Dauer übernommen werden. Für ein Jahr nach der Ausbildung werden wir jedenfalls alle in eine Leiharbeitsfirma der Telekom übernommen. Das bedeutet dann, dass wir zuhause sitzen und warten müssen, bis wir an einen Arbeitsplatz vermittelt werden – auch an andere Betriebe. Vom Verdienst her sind wir dann in der zweitniedrigsten Lohnklasse.“
Mehrheitsaktionär der Telekom ist der Staat, der den Personalabbau verhindern kann. Zwei Vertreter von Rot-Grün sitzen im Aufsichtsrat. „Von der Regierung erwarten wir, dass sie hilft, unsere Arbeitsplätze zu sichern“, fordern die sechs jungen Azubis. Das fordert auch ein verdi-Vertreter in seiner Rede: „Es darf nicht sein, Herr Schröder, Herr Eichel, dass sie damit antreten, die Arbeitslosigkeit zu halbieren und jetzt tatenlos dem Personalabbau zusehen. Als Hauptaktionär ist es ihre Pflicht, einzugreifen...“. Die restlichen Worte gehen im Beifall unter.

von Frank Eßers (E-Mail)




Linksruck Nr. 142, 1. Januar 1970





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