marxismus konkret: Millennium zwischen Angst & Hoffnung

Alle Rückblicke auf das vergangene Jahrhundert zeigen einen zentralen Widerspruch: Auf der einen Seite steht eine enorme Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten, die der Menschheit zur Verfügung stehen. Diese haben einen Grad erreicht, daß alle Menschen der Erde nicht nur materiell in Sicherheit leben könnten, sondern auch eine ungeahnte Entfaltung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen möglich wäre.
Andererseits wächst die Angst vor der Zukunft vor Umweltzerstörung, genmanipulierten Lebensmitteln, neuen und alten Seuchen, Arbeitslosigkeit, Krieg usw. Möglichkeit und Wirklichkeit menschlicher Entfaltung klaffen immer weiter auseinander.
Das Problem, vor dem die Menschheit steht, ist nicht die Technik als solche. Wenn man vom maßlosen Luxuskonsum der herrschenden Klasse absieht, ist das Problem auch nicht, daß zu viele Menschen mit zu hohen Ansprüchen auf der Welt leben.
Das Problem ist die Unfähigkeit des Kapitalismus, die enormen Möglichkeiten im Interesse der Menschen einzusetzen. Das ist nichts Neues: Karl Marx und Friedrich Engels haben diesen Widerspruch schon im Kommunistischen Manifest skizziert:

Fortschritt

Einerseits könne die Bourgeoisie nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse, fortwährend zu revolutionieren.
Dazu sei sie durch die Konkurrenz der Kapitalisten untereinander und die Anerkennung des höchstmöglichen Profits als einziges Ziel der Produktion, verurteilt.
Andererseits weisen Marx und Engels auf die Grenzen des kapitalistischen Fortschritts hin. Der Kapitalismus ist unfähig, die in wildem Konkurrenzkampf entwickelten technischen Möglichkeiten im Interesse der Menschheit einzusetzen.
Ein besonders schlimmes Beispiel ist der Umgang mit AIDS. Erst forschen mehrere Institute jahrelang gegeneinander, ohne ihre Informationen auszutauschen. Jeder will als erstes einen Impfstoff auf den Markt bringen.
Jetzt endlich ist AIDS zwar nicht heil-, aber immerhin behandelbar. Allerdings wiederum nur für die, die sich die Behandlung leisten können. In Ländern wie Indien sind gleichzeitig bis zu einem Viertel der Bevölkerung infiziert.
Diese Absurditäten entsprechend den gesellschaftlichen Machtverhältnissen: Die Masse derer, die Reichtum und Fortschritt erarbeitet, ist von jeder Entscheidung darüber ausgeschlossen, wofür und wie gearbeitet werden soll. Und diejenigen, die darüber entscheiden, entscheiden nach einem einzigen Kriterium: Profit!
Das ist auch die Grundursache wirtschaftlicher Krisen. Immer größeren Warenbergen stehen Konsumenten gegenüber, die sich immer weniger leisten können und der Überfluß wird Quelle der Not und des Mangels, wie der Frühsozialist Fourier sagte.

Hoffnung

Diese Perspektive ist einerseits frustrierend. Je mehr wir durch unsere Arbeit erwirtschaften und entwickeln, desto weniger kommt davon bei uns an!
Andererseits revolutioniert der Kapitalismus nicht nur beständig die Technik, sondern auch die gesamte Gesellschaft.
Im vorigen Jahrhundert lebten die meisten Menschen als Bauern auf dem Land. An der Jahrtausendwende sind weite Teile der Erde urbanisiert. Ganze Kontinente, wie Asien oder Südamerika, wurden innerhalb von Jahrzehnten fast vollständig industrialisiert.
Diese Entwicklung hat zwar den Widerspruch zwischen Möglichkeiten und Wirklichkeit der Menschen auf die Spitze getrieben. Dadurch ist aber auch eine internationale, in Großstädten konzentrierte Arbeiterklasse entstanden, von deren Macht ein Karl Marx nur träumen konnte.
Heute gibt es alleine in Südkorea mehr Arbeiter, als zu seiner Zeit auf der ganzen Welt. In Ländern wie Brasilien oder Nigeria gibt es heute eine starke Arbeiterbewegung.
Das Scheitern der Oktoberrevolution und die anschließende Zerstörung der revolutionären Arbeiterbewegung durch den Stalinismus hat in diesem Jahrhundert verhindert, daß die Menschheit sich aus der kapitalistischen Klassenherrschaft befreit und eine Gesellschaft aufbaut, in der die Früchte des Fortschritts allen zu Gute kommen.
Aber das absurde Nebeneinander von Hunger und Reichtum, von Mangel und Überfluß, treibt immer neue Generationen der Menschheit dazu, sich der kranken Logik des Kapitalismus zu widersetzen.
So erhält der Satz Rosa Luxemburgs, nach dem die Menschheit vor der historischen Alternative Sozialismus oder Barbarei steht, am Beginn des neuen Jahrtausends ungeahnte Aktualität. Der Ausgang der Geschichte ist offen.

Von Volkhard Mos


Linksruck Nr. 78, 1. Januar 1970





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