Feminismus für eine neue Generation?

"Ich habe einen Traum", schreibt Alice Schwarzer auf den ersten Seiten ihres neuen Buches in Anspielung auf die berühmte Rede des radikalen Bürgerrechtlers Martin Luther King. In ihrem Traum skizziert Alice Schwarzer das Bild einer Gesellschaft ohne. Doch der Kampf um eine Gesellschaft in der Frauen und Männer gleichberechtigt zusammenleben können, ist noch nicht gewonnen.

Der große Unterschied, Alica Schwarzer, 297 S., Kiepenheuer & Wisch, 39,90 Mark

Trotz der Erfolge der Frauenbewegung sind Unterdrückung und Gewalt für Frauen alltäglich. In den zwei Hauptkapiteln ihres Buches "Das Trauma Sexualgewalt" und "Die Offensive der Frauen" beschreibt sie uns die brutale und offene Gewalt von Männern gegen Frauen und die subtileren Formen von Gewalt gegen Frauen Missbrauch, Prostitution und Pornographie.

Die Zahlen und Beispiele sind erschütternd und ein schlag ins Gesicht all jener konservativer die behaupten Frauenunterdrückung gehöre der Vergangenheit an: Jedes dritte bis vierte Mädchen ist Opfer sexuellen Missbrauchs. Jede dritte Frau ist Opfer häuslicher Gewalt und jede vierte Frau wird als Erwachsene vergewaltigt.

Alice Schwarzer schreibt "Es wird davon ausgegangen, dass bei Missbrauch in drei von vier Fällen der eigene Vater oder Onkel der Täter ist und bei Vergewaltigungen in zwei von drei Fällen der eigene Mann oder Freund."

Auch in dem Kapitel über Prostitution und Frauenhandeln bringt Alice Schwarzer schockierende Tatsachen ans Licht.

Auf vier Millionen Frauen und Kinder weltweit schätzen die Vereinten Nationen die Opfer des Frauen und Kinderhandels innerhalb eines einzigen Jahres. Die UN geht davon aus das mit der Ware Frau ca. sieben Billionen Dollar Profit gemacht werden. In Deutschland alleine werden 80 Milliarden Mark jährlich mit Prostitution umgesetzt. Die Frauen sehen das wenigst von dem Geld und werden seelisch und körperlich zerstört.

In dem Kapitel über Pornographie zeigt sie anhand dem Beispiel des Fotografen Helmut Newton das Pornographie nichts mit Sexualität und Erotik zu tun hat. Seine Aufnahmen zelebrierten die Lust an Gewalt.

Für die Feministin ist Pornographie die Verknüpfung von Lust auf Sex mit Lust auf Erniedrigung und Lust auf Gewalt: "Pornographie ist ein Verstöß gegen die Menschwürde. Einen Ehemann, Freund, Nachbarn oder Kollegen, der Pornos konsumiert, muss man und frau kritisieren und einklagen."

Alice Schwarzer zeigt aber auch, dass Frauen sich erfolgreich wehren. Über den Aufbruch der Frauenbewegung in Deutschland schreibt sie "Als dann am 6 Juni 1971 im Stern das Selbstbekenntnis der 374 deutschen Frauen Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau!" ... da platze die Bombe. Die Frauen erwachten ... sie unterzeichneten zu Tausenden die Selbstbezichtigung sie fingen an zu reden, sich zusammenzutun, zu protestierten. Die Aktion 218 überrollte wie eine Lawine das ganze Land ..."

"Der große Unterschied" soll in erster Linie jungen Frauen Mut machen, ihren Lebensweg selbstbewußt zu bestreiten, indem sie von der älterer Frauengeneration lernen. "Ich setze sehr auf die jungen Frauen. Ich finde das ganze Gerede, sie seien unpolitisch ganz und gar haltlos. Und es ist an uns, an der Generation, die schon einiges erlebt hat, ihnen zu sagen: Achtung ! Hier könnt ihr von uns lernen und fangt nicht wieder von Null an, stellt euch auf unsere Schulter. Ich hoffe, daß das Buch dazu beiträgt. Ich sehe es auch als Schulterschluß zwischen den Frauengenerationen... und ein Brückenschlag zu den Männern."


von Yaak Pabst




Linksruck Nr. 115, 1. Januar 1970





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